Das Siebner Höchstklassorchester durfte  sich über den hervorragenden vierten Platz freuen. Bilder Elia Lechner
Das Siebner Höchstklassorchester durfte sich über den hervorragenden vierten Platz freuen. Bilder Elia Lechner
Holz und Blech vereint in voller Konzentration.
Holz und Blech vereint in voller Konzentration.
Nach dem Schlusston: Blaise Héritier hat den Komponisten José Suñer Oriola im Publikum entdeckt.
Nach dem Schlusston: Blaise Héritier hat den Komponisten José Suñer Oriola im Publikum entdeckt.

Musik

Das Blasorchester Siebnen gehört zur europäischen Spitze

An der Europameisterschaft für Blasorchester in Brüssel (ECWO) erreichte Siebnen den sensationellen vierten Platz. Mit 95,33 von 100 möglichen Punkten war der Abstand zu den drittplatzierten Belgiern hauchdünn.

Damit hatten selbst die grössten Optimisten nicht gerechnet. Unter den neun besten europäischen Blasorchestern erspielte sich Siebnen am Wochenende in Brüssel einen Spitzenplatz.Mit 95,33 Punkten verpasste das Blasorchester Siebnen (BOS) das Podest um winzige 17 Hundertstel. Auch der Abstand zu den zweitplatzierten Norwegern war mit sechs Zehnteln gering. Bestes europäisches Blasorchester wurden die Holländer mit knapp 98 Punkten. Damit schreibt das BOS einmal mehr Schweizer Blasmusikgeschichte. Als Sieger in der Höchstklasse am eidgenössischen Musikfest 2016 in Montreux war das Orchester nach Brüssel eingeladen worden. Zusammen mit dem Dirigenten Blaise Héritier, der das BOS seit 2011 leitet, nahmen 89 Musikerinnen und Musiker zwischen 16 und 77 Jahren die Herausforderung an. Der Wettbewerb in Brüssel bestand aus zwei Teilen: Das Aufgabenstück «Mutations» von Bart Picqueur, das alle Orchester spielen mussten, sollte der Jury einen direkten Vergleich ermöglichen. Mit dem Selbstwahlstück konnten die Orchester sich und ihren spezifischen Charakter präsentieren. Das BOS knüpfte mit dem Selbstwahlstück «Soulful Stones» an Montreux an. Den Erfolg am Eidgenössischen hatte das Orchester mit der Komposition «El Jardin de las Hesperides » von José Suñer Oriola gehabt.So entschloss man sich, den spanischen Komponisten mit einem neuen Werk zu beauftragen. Die Welturaufführung erlebte «Soulful Stones» in Anwesenheit des Komponisten am Pfingstsonntag im Tischmacherhof in Galgenen.


40 Seiten Formulare


Das Abenteuer Brüssel beginnt am Freitag nach Pfingsten um 5 Uhr morgens – zumindest für die Musiker und Begleitpersonen, die mit dem Car anreisen. Am Zoll in Basel können sie sich ein erstes Mal ein Bild davon machen, welch grosser Organisationsaufwand hinter einer solchen Orchesterreise steckt.40 Seiten dick ist das sogenannte Carnet mit den Formularen für die Aus- und Wiedereinfuhr der Instrumente. Fürs Abstempeln brauchen die französischen Beamten eine halbe Stunde. Mehr als zwölf Stunden dauert es, bis die letzten Musiker ihr Hotelzimmer in Brüssel bezogen haben. An Ausruhen ist danach jedoch nicht zu denken. Wenige Minuten nachdem der letzte eingecheckt hat, sitzen alle bereits wieder im Bus und fahren nach Mechelen, wo eine zweistündige Probe stattfindet. Die Zeichen stehen gut: Der Saal trägt den Namen der heiligen Cäcilia, immerhin die Patronin der Kirchenmusiker, und auf dem Dach gurren zwei Türkentauben so schön, als ob sie das BOS unterstützen möchten. Komponist José Suñer Oriola sitzt im Saal und äussert sich wie schon in Galgenen begeistert ob der Qualität des Orchesters. Dirigent Blaise Héritier scheint kein bisschen nervös, er witzelt, tänzelt, hebt den Daumen, wenn ein Solo besonders gut gelingt. Es wird viel gelacht, die Stimmung ist gelöst. «Es kann absolut nichts Schlimmes passieren morgen», sagt Héritier und spielt damit auf die dreimonatige Vorbereitungszeit an. «Weil wir Schweizer sind, die sich gern doppelt absichern», fährt der Dirigent fort, habe er den Musikern ein kleines Geschenk mitgebracht. Aus einem Plastiksack darf sich jeder ein Schweizer Qualitätssackmesser nehmen. Das Schweizerische streicht Héritier auch beim Einspielen am Samstagnachmittag noch einmal hervor. «Ihr vertretet hier in Brüssel die Schweiz», sagt der 56-Jährige und gibt wieder einen Plastiksack herum. Diesmal bekommen alle ein Stück Schweizer Schokolade.


Fans mit Schweizer Fahne


Dann gilt es ernst. Als letztes der neun Orchester hat das BOS am Samstagabend im Kulturzentrum Bozar seinen Auftritt. Das Aufgabenstück «Mutations» mit seinen teuflisch schwierigen Einsätzen und Solostellen gelingt gut. Die Musiker wirken während des elfminütigen Vortrags konzentriert, aber nicht angespannt. Die mitgereisten Fans tun alles, um die Stimmung im riesigen Saal anzufachen, sogar eine Schweizer Fahne wird entrollt. Die Akustik ist fantastisch, jeder Ton glasklar.Was für die Zuhörer ein Genuss ist,ist für die Musiker eine Herausforderung. Der Klang auf dieser Bühne ist völlig anders als im heimischen Probelokal. Im zweiten Teil läuft das BOS zu absoluter Höchstform auf. Mit «Soulful Stones» beschreibt Komponist José Suñer Oriola fünf Bauwerke von Antoni Gaudí in Barcelona. Die musikalische Bilderreise dauert eine halbe Stunde und bringt manche Klänge hervor, die selbst für Blasmusikkenner neu sein dürften. Man hört Wasser fliessen, Steine kollern, Rauch zischen, Gläser singen, Geigenbögen kreischen. Man sieht und hört Instrumente, die extra für dieses Werk angefertigt wurden: Schwirrende Hölzer, sogenannte Bullroarer, kreisen über den Köpfen der Perkussionisten; es gibt eine Pauke, in deren Fell eine Feder getrieben wurde, und einen halbierten Gummiball, der an einem Metallstäbchen über das Fell gezogen wird.Was wie eine singende Säge tönt, ist ein sogenanntes Waterphone, bei dem ein Geigenbogen über Metallstäbe streicht.


Mit gebrochenen Fingern


Das Publikum im Saal ist mucksmäuschenstill bis zum letzten Schlag, dann brandet der Applaus auf. Dirigent Blaise Héritier bittet den Komponisten José Suñer Oriola auf die Bühne, die beiden umarmen sich. «Es hat Spass gemacht», wird Héritier kurz darauf in die Kamera von Limburg TV sagen. Neue Musik wie «Soulful Stones» aufzuführen sei eine Aufgabe für ein Top-Orchester wie das BOS. Bei den Musikern dominieren zwei Reaktionen: die Gewissheit, alles, aber auch wirklich alles gegeben zu haben, und die Freude, an so einem Top-Anlass dabei gewesen zu sein. «Es war unglaublich emotional», sagt stellvertretend für alle Tubist Heiri Hegner. Noch ein bisschen mehr als alles hat Lorenz Schnyder gegeben. Der Basssaxofonist hat fünf Tage vor dem Konzert seine Hand eingeklemmt und zwei Finger gebrochen. Während des Spielens habe er die Schmerzen aber nicht mehr gespürt, erzählt Schnyder. Das Orchester habe sein Stück von Mal zu Mal besser gespielt, sagt der Komponist, der das BOS bei allen Proben in Brüssel gehört hat. Die Jury gratuliert denn auch ausdrücklich zur Wahl dieses Werks, lobt den farbigen und expressiven Klang des Orchesters und hebt die Leistung der Solisten in beiden Stücken hervor. Besonders erwähnt werden Valentin Vogt (Klarinette), Susanne Schmid-Rojan (Cello) und Shoko Miyake (Oboe). Dass das BOS 120 Jahre nach seiner Gründung an der europäischen Spitze angekommen ist, hat es mehreren Faktoren zu verdanken: der ausdauernden Nachwuchsförderung ebenso wie der jahrzehntelangen Aufbauarbeit des früheren Dirigenten Tony Kurmann. Der grosse Exploit wurde möglich durch die motivierende Zusammenarbeit mit Blaise Héritier, einem der besten Dirigenten der Schweiz. Er hat aus dem BOS ein Top-Orchester geformt, oder wie er selber sagt: ein super Team.


Höfner Volksblatt und March-Anzeiger / Elvira Jäger

Autor

Höfner Volksblatt & March Anzeiger

Kategorie

  • Musik

Publiziert am

30.05.2018

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schwyzkultur.ch/DkdHS9