Film

Spurensuche im Schatten eines Traumas

Mit «Der Mann auf dem Kirchturm» wendet sich der Rothenthurmer Regisseur Edwin Beeler der eigenen Geschichte zu. In seiner Dokumentation erkundet er das Schweigen um den Suizid seines Grossvaters – und legt auch die Bruchstellen tradierter Rollenbilder offen.

Edwin Beeler bewegt sich mit seinen Filmwerken bevorzugt in Grenzgebieten des menschlichen Daseins. Vergänglichkeit und Spiritualität sowie die Ambivalenz von Dies- und Jenseits sind wiederkehrende Aspekte, die Beeler mit einer betont erzählerisch- beobachtenden Haltung verarbeitet. Insbesondere seine drei letzten Filme – «Hexenkinder» (2020), «Die weisse Arche» (2016) und «Arme Seelen» (2011) – tragen geradezu exemplarisch diese besondere Handschrift. In seinem neusten Film «Der Mann auf dem Kirchturm» entfernt sich der gebürtige Rothenthurmer, heute in Luzern wohnhafte Beeler wieder einen Schritt von der Welt des Übernatürlichen, bleibt dabei jedoch in seinem thematischen Territorium: Tiefgründigkeit und die Auslotung der menschlichen Seelenwelt prägen die atmosphärische Dokumentation, welche den Rothenthurmer Regisseur diesmal in die eigene Familiengeschichte führt – auf die Spuren seines Grossvaters. Als Dachdecker und Kaminfeger in Oberägeri genoss dieser knorrige, pflichtbewusste Mann mit markantem Gesicht im Ort grosses Ansehen. Ein folgenschwerer Sturz vom Dach sollte sich als schicksalhafter Wendepunkt erweisen. Der Lebensmut des gestandenen, scheinbar unerschütterlichen Handwerkers mit Berufsstolz schwand dahin, von aussen unbemerkt. Dann kam noch die unerwartete Pflegebedürftigkeit seiner Frau hinzu. Überforderung war die Folge, vermutet Edwin Beeler mit Blick auf damals, Angst, den neuen Lebensumständen nicht gewachsen zu sein. Diese vermeintliche Ausweglosigkeit führte zum Freitod im Keller. Eine Aufarbeitung des Dramas blieb innerwie ausserhalb der Familie aus, im streng katholisch geprägten Dorf sprach man nicht darüber. «S’isch etz halt so.» Nur Edwin Beeler, dem Enkel, der am Tag des Suizids seinen 31. Geburtstag feiert, lässt die Familientragödie keine Ruhe. Fragen über Fragen haben sich in all den Jahren angehäuft. «Der Mann auf dem Kirchturm» ist Beelers persönliches Unterfangen, die Seele seines Grossvaters zu ergründen. Anhand von Erinnerungsfragmenten, subjektiven Kindheitserfahrungen im grosselterlichen Haus in Oberägeri sowie Berichten von Menschen aus dem familiären und persönlichen Umfeld des Grossvaters sucht Beeler nach Erklärungen für dessen freiwilligen Exitus. Das grosse Ganze bleibt letztlich lückenhaft, zeigt aber: Die übergeordnete Problematik ist vielschichtig und reicht weit über diese Familientragödie hinaus bis tief in die Gesellschaft hinein.

 

Appell an die Gesellschaft 

Als Regisseur bringt sich der heute 67-jährige Edwin Beeler in der Gestalt eines Kindes mit ein, das sich mit Neugier im Haus der Grosseltern auf Entdeckungstour begibt. Der Bub fungiert als Personifizierung von Beelers Erinnerungen, als autobiografische Komponente im Lebensdrama seines Grossvaters, für dessen unergründetes Wesen er nach wie vor Bewunderung empfindet. «Die Entstehung dieses Films ist verknüpft mit einem sehr persönlichen Arbeitsprozess», sagt Edwin Beeler. «Dabei durfte ich nicht ins Private abdriften. Parallel zur Erzählung über meinen Grossvater fungiert die Dorfgeschichte als roter Faden, der den Strukturwandel der ländlichen Schweiz über 80 Jahre hinweg verdeutlicht. So gewinnen die Themen eine universale Bedeutung.» Durch diese Abgrenzung will Beeler einer Relativierung des Allgemeingültigen in seinem Film entgegenwirken. Dieses identifiziert sich vor allem durch grundlegende Fragen nach der gesellschaftlichen Wahrnehmung tradierter Rollenbilder von einst im Spiegel des Jetzt. Und auch durch die Frage nach falsch verstandenem Stolz und dem Mut, die eigene Brüchigkeit und Schwäche einzugestehen, sich zu öffnen und helfen zu lassen. «Es handelt sich um eine weitgreifende, schichtenspezifische Thematik», ist Edwin Beeler überzeugt. «Die Filmdokumentation ist nicht nur eine familiäre Spurensuche oder die Aufarbeitung der Beziehung zwischen einem Enkel und seinem Grossvater, sondern es ist zugleich ein Appell an die Gesellschaft, besser aufeinander zu hören, offener mit dem eigenen Gefühlsleben umzugehen und sich nicht für seine Schwächen zu genieren.»

 

 Einladung zu Achtsamkeit

Ohne Effekthascherei und überspitzte Dramaturgie, mit stimmungsvollen Landschaftsbildern und der ruhigen Begleitstimme von Hanspeter Müller- Drossaart liefert «Der Mann auf dem Kirchturm» weder ein abgeschlossenes Bild noch verbindliche Antworten. Beeler beansprucht nicht, das Leben seines Grossvaters nachträglich zu erklären oder eine Versöhnung mit dessen Entscheidung zu suchen. Er lässt Widersprüchlichkeiten, Leerstellen und Schweigen für sich sprechen und akzeptiert still, dass sich biografische Brüche weder durch Recherche noch durch Erinnerung lösen oder erklären lassen. Beelers Dokumentation ist ein Blick auf eine Existenz, die an Erwartungen zerbrochen ist, und auf eine Gesellschaft, die sich das Wegsehen angeeignet hat. «Der Mann auf dem Kirchturm » ist jedoch kein Vorwurf an solche Zustände, sondern vielmehr Einladung zu Achtsamkeit und Aufmerksamkeit.

 

Bote der Urschweiz / Andreas Faessler

Autor

Bote der Urschweiz

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Kategorie

  • Film

Publiziert am

08.01.2026

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