Filmcrew samt Moderator nach der Einsiedler Premiere (von links): Oscar Sales Bingisser, Max Simonischek, Moderator Hans Ulrich Jäger, Emilio Marchisella sowie die Produzentin Anne Walser. Foto: Gina Graber
Filmcrew samt Moderator nach der Einsiedler Premiere (von links): Oscar Sales Bingisser, Max Simonischek, Moderator Hans Ulrich Jäger, Emilio Marchisella sowie die Produzentin Anne Walser. Foto: Gina Graber

Film

Starker Film hinterlässt starke Spuren

Am Freitagabend waren die Produzentin Anne Walser und die Schauspieler Max Simonischek, Oscar Sales Bingisser und Emilio Marchisella  zu Gast in der Cineboxx. Sie standen dem Publikum Rede und Antwort über die Entstehung des Films und ihr Eintauchen in Zwinglis Welt.

Der grosse Kinosaal war fast voll, doch während des gut zweistündigen Films waren kaum akustische Reaktionen aus dem Publikum wahrnehmbar. Zwingli fasziniert, real und als Filmfigur. Die Geschehnisse der beginnenden Reformation wühlten und wühlen die Menschen bis heute auf. Es ist «nur» ein Film, doch er erzählt eben doch die Realität, und die war weiss Gott hart. Der nicht enden wollende Filmabspann gab den Kinobesuchern gebührend Zeit, in die Gegenwart zurückzukehren und sich Fragen zum Film an die Ehrengäste zurechtzulegen. Produzentin Anne Walser sowie die Schauspieler Max Simonischek (Ulrich Zwingli), Oscar Sales Bingisser (Johann Faber) und Emilio Marchisella (Gerold Reinhart) wurden mit herzlichem Applaus begrüsst. Hans Ulrich Jäger, alt Pfarrer der reformierten Kirche Einsiedeln und Kenner der Reformationsgeschichte in der Schweiz, führte durch die halbstündige Talkrunde.


Ausweg aus dem Tunnel finden


Der Film wurde innerhalb von 37 Tagen abgedreht. Die schauspielerische Leistung aller Beteiligten ist beeindruckend, vom intensiven Eintauchen in die Zeit von Pest, Hunger, Armut und religiösen Zwängen muss doch etwas hängenbleiben. Doch die Sicht des Publikums steht derjenigen der Schauspieler diametral entgegen. «Man geht nach der letzten Klappe nicht noch einen Monat lang mit der Figur spazieren», erklärt Zwingli-Darsteller Max Simonischek. Während der Dreharbeiten befinde man sich in einem Tunnel, aus dem man wieder heraus müsse, sonst drehe man durch. «Meine Frau war schwanger, was ich zwischendurch fast vergass», veranschaulichte er diesen Zustand. Jedoch die Auseinandersetzung mit Zwingli sei nötig und auch bereichernd gewesen, seine Taten, was er gepredigt und politisch-gesellschaftlich bewirkte, habe ihn beeindruckt: «Zwingli ist ein Vorbild für kompromissloses, konsequentes Handeln – man muss ja für seine Überzeugung nicht gleich in den Krieg ziehen.» Wie realistisch ist Zwingli denn überhaupt dargestellt? Hans Ulrich Jäger war beeindruckt von der filmischen Umsetzung, die Abstraktion der Geschehnisse auf die wesentlichen Meilensteine der Reformation sei gelungen. Die künstlerische Freiheit erlaubte Regisseur Stefan Haupt und Produzentin Anne Walser, den Ersten Kappelerkrieg gänzlich unerwähnt zu lassen, weil er für den Plot dieses Films nicht relevant war. Dafür bekommt Zwinglis Frau Anna Reinhart ein Gesicht, eine Stimme und eine zentrale Position im Film, obwohl über ihr Leben nur wenig bekannt ist und es kein Porträt von ihr gibt. Anne Walser meinte dazu lakonisch: «Kein Kinobesucher will nur einen Haufen diskutierender Männer sehen.» Anhand von Anna Reinhart erlebt man emotional, was die Reformation auch bedeutete, denn die Wirtstochter emanzipiert sich vom dumpfen, angsterfüllten Glauben und wird eine selbst denkende, selbstbewusste Frau. Sie vermag als künstlerisch entwickelte Filmfigur eine hoffnungsvolle und versöhnliche Brücke in die Gegenwart zu schlagen. Die Entwicklung der Charaktere beginnt Jahre vor dem ersten Drehtag. Anne Walser sucht sich die Schauspielerinnen und Schauspieler jeweils gerne selber aus, in diesem Fall zusammen mit Regisseur Stefan Haupt. Max Simonischek war immer schon «ihr Zwingli»; Oscar Sales Bingisser fand über Stefan Haupt zu diesem Film. Für die Rolle des jungen Gerold Reinhart, Annas Sohn, wurde ein Casting organsiert, denn erfahrene Schauspieler im Teenageralter gibt es kaum. Emilio Marchisella überzeugte unter neunzig Bewerbern am besten und musste als Laie in seiner ersten Rolle überhaupt zahlreiche Herausforderungen meistern. «Ich musste auch reiten lernen», wie er selbst im Rückblick noch leise seufzend dem Publikum verriet.


Die Kunst, Emotionen zu zeigen


Zwingli, Anna, Gerold und weitere Hauptpersonen des Films zeigen viele Emotionen. Die Kunst der emotionalen Schau-Spielerei erklärte Oscar Sales Bingisser so: «Beim Film sieht man ganz genau, ob ein Gefühl echt ist oder nicht, die Kamera ist sehr nah. Entweder schafft man es, emotional zu sein, oder man schauspielert so gut, dass die Zuschauer glauben, es sei echt.» Max Simonischek ergänzt: «Wenn man als Schauspieler weinen muss, ist es egal, welche traurige Begebenheit der Auslöser für die Tränen ist. Wichtig ist, dass man sein sensorisches Gedächtnis abrufen kann, was auch durch einen intensiven Gedanken an den geliebten, verstorbenen Hund ausgelöst werden kann.» Kein Film ohne Musik! Sie wird «auf den Film komponiert», wenn er bereits fast fertig geschnitten ist. Die Zürcher Kantonalbank als Presenting Sponsor Partner ermöglichte beim Film «Zwingli» die Zusammenarbeit mit dem Zürcher Kammerorchester, welches die Musik live eingespielt hat. Anne Walser: «Es war ein Glücksfall, überhaupt hatten wir bei diesem Film durchwegs Glück.»


Das Mittelalter gefunden


Fast alle Innen- und Aussenaufnahmen wurden im Museum Kloster Sankt Georgen in Stein am Rhein gedreht: Die filmische Illusion der Stadt Zürich zur Reformationszeit in original mittelalterlichem Ambiente ist erstaunlich. Ausserdem hatte das Zürcher Grossmünster einen Monat lang seine Pforten geschlossen. Der Kircheninnenraum wurde für die Aufnahmen in den vorreformatorischen Zustand zurückversetzt, was Christoph Sigrist, Pfarrer am Grossmünster und somit Nachfolger Zwinglis, ausserordentlich gut gefallen habe. Der Film ist fertig, aber nach der langen Entstehungszeit geht seine Reise weiter: Synchronisierungen auf Hochdeutsch und Französisch sind bereits erfolgt oder geplant, Produzentin Anne Walser wird ihn an der Berlinale in alle Herren Länder, darunter auch Südkorea, zu vermitteln versuchen. Sein Erfolg über die Landesgrenzen hinaus hängt nicht zuletzt davon ab, wie er vom Schweizer Publikum aufgenommen wird. Je mehr Zuschauer «Zwingli» hierzulande hat, desto besser!


Einsiedler Anzeiger / Gina Graber

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Film

Publiziert am

23.01.2019

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schwyzkultur.ch/KsgMdr