Margrit Schriber in ihrer Wohnung in Zofingen: Sie nahm an der Klassenzusammenkunft in Küssnacht teil. Bild: Pius Amrein
Margrit Schriber in ihrer Wohnung in Zofingen: Sie nahm an der Klassenzusammenkunft in Küssnacht teil. Bild: Pius Amrein

Literatur

«Wir sind achtzig und hauen auf den Putz»

Die Schriftstellerin Margrit Schriber erzählt über ihre Kindheit und Jugend in Küssnacht.

Wir feiern unseren Achtzigsten. Eine unglaubliche Zahl. Ganz im Vertrauen: Wir fühlen uns so jung, so frisch, so vital wie immer. Jetzt hauen wir auf den Putz, hat einer von uns gesagt. Die Küssnachter Klasse der 39er ist angerauscht. Wir sind alt, aber nicht verrückt. Wir: Das sind neunundzwanzig Leute. Davon sind zwei Drittel Frauen. Mehrere Tote sind zu beklagen. Unsere Klasse schrumpft. Mit achtzig kann uns nicht mehr viel überraschen.


Aufgewachsen währen des Zweiten Weltkriegs


Wir sind in der Innerschweiz zur Zeit des Zweiten Weltkriegs aufgewachsen. Nicht auf Samt gebettet, nicht mit Literatur und Kunst und Opern. In welchem Haushalt gab es denn ein Büchergestell? Wir kannten bloss das Stubenbuffet mit einem Likörset im Glasaufbau.


Wir strebten nichts Grosses an.


Den Beruf des Vaters oder Nachbars. Die Hausfrauenrolle der Mutter, der Krankenschwester und des Bürofräuleins nebenan. Alles andere waren Flausen. Wir waren unbeschwert, streunten, feuerten, spielten Fussball auf der Hauptstrasse, schändeten, bastelten, schreinerten, klebten und zeichneten. Der Tag hat uns erfüllt. Wir waren am Abend verdreckt und müde. Wir waren glückliche Kinder. Wenn wir an unsere Enkel denken, die mit dem Handy spielen statt mit uns zu reden … wenn wir ihre Sportausrüstung betrachten und wie sie eingebunden sind in tausend Pflichten, wenn wir an ihre Zukunft und diejenige unserer Erde denken … Uns wird schlecht.


Wie war es denn damals?


Wir lasen zwei Bücher: «Globi» und «Heidi». Am Kiosk durchblätterten wir ein Micky-Maus-Heft und die «Bravo». Wir lauschten mit Herzklopfen den Erzählungen der Erwachsenen, besonders wenn darin Meerschiffe vorkamen, Ungeheuer, einbeinige Banditen, Zwerge und Menschenfresser. Es gab eine Dorfrätsch, sie setzte den Einkaufskorb auf den Boden und packte aus. Am See sind Kaugummi schiggende Amis gesichtet worden. Ehrlers Annemarieli hat Läuse. Die ledige Soundso hat seit zwei Monaten keine Binden an die Wäscheleine geklammert. Ehrenwort!


Offizielles Lesebuch


Beim Schuleintritt erhielten wir das offizielle Lesebuch. Aus heutiger Sicht waren einige Passagen darin rassistisch. Die Zeichnung zur dramatischsten Geschichte hat uns Albträume verursacht. Eine Zigeunerin raubte ein Kind. Heute müssen wir mit Scham zur Kenntnis nehmen, dass es umgekehrt gewesen ist. In jedem Klassenzimmer hockte ein Porzellan- Negerlein. Es bettelte um Geld. Ein eingeworfener Hosenknopf genügte, um sein dankbares Nicken zu erleben. Jede Woche gab es einen Hörspielabend. Es waren Strassenfeger. Wir löschten immer das Licht, litten mit Ueli und Vrenely und fürchteten uns vor Hagelhannes.


Kindliche Fantasie


Als dann die «Käserei in der Vehfreude» aus dem stoffbezogenen Lautsprecher des Radiokastens ertönte, mussten wir ein Stück Käse im Haus haben, da derart appetitanregend von den reifenden Käselaiben die Rede war. Die kindliche Fantasie ersetzte die grossen Dramen voll und ganz. Unser Hirn hat alle Szenen in Bilder umgesetzt. Viel Anregung erhielten wir aber auch vom katholischen Glauben mit seinem jenseitigen Reich und der jahrhundertealten ausgeklügelten Dramaturgie. Das Erlebnis der hohen Kirchentage gehörte zu unserem Leben im Dorf. Das Kranzflechten, die Wallfahrten, Prozessionen und die Maiandachten. Natürlich hassten wir das Hochamt, es dauerte eine Ewigkeit, und welches Kind hat so viel Zeit? Wir knieten nieder, erhoben und setzten uns, während die Orgel über uns wegbrauste und der Weihrauch uns betörte. Doch es lag ein Zauber darin, wenn der Geistliche in seinem brokatenen, glitzernden Panzergewand von einer Seite zur anderen ging, die Arme ausspreizte oder die Hände faltete und lateinisch sang. Tradition zählte zum Wichtigen, die urtümlichen Bräuche, historischen Figuren und das Sagengut der Gegend. Das Unsichtbare machte uns Angst. Doch wir suchten die Angst. Sie erwachte mit dem wilden Maskentreiben. Dazu gehörte das Klausjagen. Die Hirten trieben die bösen Geister vom Berg herab und peitschten sie aus dem Dorf heraus. Hunderte von Treicheln und Hörner liessen den Boden unter den Füssen erbeben und erfassten unseren Körper. Die Chläuse waren lichterfüllt, bunt und zauberhaft. Die wollten wir behalten.


Urvertrauen


Diese Bräuche gaben uns Zutrauen. Wir wurden Zeuge des Schreckens, das einen Menschen jederzeit von hinten anspringen konnte. Aber auch Zeuge davon, dass es Mittel gibt, diese zu bannen. Wir bekamen ein Urvertrauen: Der Mensch hat es in der Hand, seiner Welt eine Ordnung zu geben.


Gewidmet der Klasse der Küssnachter 39er sowie Paul Ulrich, Toni Gössi und Maria Schilliger, die diesen Tag möglich machten.


Bote der Urschweiz / Margrit Schriber

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Literatur

Publiziert am

10.09.2019

Webcode

schwyzkultur.ch/n26VnC