Seit 1920 führt die Fidelitas regelmässig grosse Umzüge in Wollerau durch. Bild Fidelitas
Seit 1920 führt die Fidelitas regelmässig grosse Umzüge in Wollerau durch. Bild Fidelitas

Volkskultur

Hüterin der Fasnacht

Die Fasnachtsgesellschaft Fidelitas pflegt seit 100 Jahren das einzige noch erhaltene Brauchtum in Wollerau. Doch auch sie kämpft gegen die Folgen des gesellschaftlichen Wandels.

Seit Jahrhunderten wird die Fasnacht vielerorts in der Schweiz gross gepflegt. Landauf landab haben Historiker diesen Beweis erbracht. Einer von ihnen ist der Wollerauer Werner Röllin, der Fasnachtsexperte schlechthin. Welch ein Zufall, dass die nachweislich älteste Fasnachtsveranstaltung schweizweit ausgerechnet aus Wollerau stammt! Im Jahr 1861 wurde im Höfner Dorf ein fasnächtliches Narrenspiel namens Rellete durchgeführt. Vor 35 Jahren liess die Fidelitas dieses Spektakel, bei dem alte, hässliche Frauen in eine Rellmühle gesteckt werden, um sie in junge, schöne Geschöpfe zu verwandeln, nochmals aufleben. 1861 allerdings war von der Fidelitas noch weit und breit keine Spur. Es waren andere Fasnachtsgesellschaften, die das Brauchtum Fasnacht in Wollerau pflegten, doch sie verschwanden, wie sie kamen. Keine hielt sich lange.


Dem «Neuhaus»-Saal sei Dank


Als die Fidelitas im November 1918 aus der Taufe gehoben wurde, geschah dies mit einer bestimmten Absicht: Die Gründungsmitglieder beabsichtigten, für die Fasnacht 1919 einen grossen Umzug mit anschliessendem Bühnenstück zu organisieren. Letztlich mussten sie ihr Vorhaben aufgrund innerpolitischer Unruhen und der Spanischen Grippe um ein Jahr verschieben, doch als sich dies herauskristallisierte, hatte die Geburtsstunde der Fidelitas längst geschlagen. Tatsächlich war das Theater zu jener Zeit noch ein zentrales Element der Fasnacht. Bereits im 19. Jahrhundert wurde jeweils am Fasnachtsmontag im Saal im ersten Stock des Restaurants «Neuhaus» ein historischmythisches Stück aufgeführt. Als 1906 der Anbau realisiert wurde, verlagerte sich die Fasnacht dorthin. Bis zu seinem Abriss im Jahr 2014 war der «Neuhaus »-Saal fortan Dreh- und Angelpunkt der Wollerauer Fasnacht. So organisierten beispielsweise die Fidelitas, der Musikverein Verena, der Schützenverein Wollerau und der Turnverein Wollerau-Bäch ab den 1920er-Jahren dort den Vereinsmaskenball. Es war mitunter nicht nur dem Ideenreichtum der Wollerauer Vereine, sondern auch eben diesen Räumlichkeiten zuzuschreiben, dass die Wollerauer Fasnacht weitherum an Bekanntheit gewann. Denn Wollerau war lange Zeit das einzige Dorf am Zürichsee, das über einen Saal dieser Grösse verfügte.


Nachwuchs bei der Stange halten


Dank der Fidelitas entstand in Wollerau ein organisiertes fasnächtliches Treiben. Der Verein erweiterte es im Verlauf der Jahrzehnte beständig mit Neuerungen (siehe Kasten Mitte). Während des Zweiten Weltkriegs musste die Fasnacht auf ein Minimum reduziert werden.Die Fidelitas bemühte sich darum, wenigstens den Kindern eine Freude zu bereiten. Gegen Abgabe einer Rationierungsmarke erhielten sie am Fasnachtsmontag ein Bireweggli. Viele Anlässe, die der Verein im Laufe der Jahre ins Leben rief, sind heute nicht mehr aus Wollerau wegzudenken. Es gibt aber auch solche, die sich nicht bis heute halten konnten, unter anderem der Hexen-Ball (1952–2000) oder der Narrenkongress, der in der Zeit zwischen 1969 und 1998 in unregelmässigen Abständen durchgeführt wurde. Von kurzer Lebensdauer war die Beizlifasnacht, die der Verein 2001 als Kompensation für den Hexen-Ball einführte, 2007 aber bereits wieder abschaffte. Das Beizensterben und das Desinteresse vieler Wirtsleute an der Fasnacht sowie die Anonymisierung im Dorf machen auch der Fidelitas zu schaffen. «Wollerau hat eine typische Strassenfasnacht, sie wird vom einfachen Volk gestaltet», erklärt Sacha Reichmuth, Vizepräsident der Fidelitas, die Zusammenhänge. «Die Restaurants spielen dabei eine zentrale Rolle. Wenn sie nicht mehr mitmachen, verliert die Fasnacht den Rückhalt.» Gleichzeitig zwingt das Beizensterben die Fidelitas, sich neue Konzepte auszudenken. So entstand unter anderem die Vereinsfasnacht im Parkhaus. «Wir müssen mit der Zeit gehen», so Reichmuth. «Das heisst nicht, dass wir jede Modeströmung mitmachen, aber wir sollten einen guten Mix zwischen Althergebrachtem und Neuem finden.» Für den eingefleischten Fasnächtler ist klar, dass drei Wollerauer Fasnachtselemente auf jeden Fall zu erhalten sind: die Narrenfahrt, das Beckitoggverbrennen und die Kinderfasnacht. «Der Nachwuchs ist unsere Zukunft, ihm müssen wir unsere Fasnachtskultur vermitteln, damit er sie weiterträgt.» Dass die Narrenfahrt eine solche Erfolgsgeschichte wird, ahnte bei der ersten Durchführung vor 40 Jahren niemand. Die Initianten griffen eine Tradition aus dem Mittelalter auf, bei der sich die Stände und Obrigkeiten zur Fasnachtszeit in Begleitung des Fussvolks gegenseitig besuchten, und modifizierten sie.Seither rollt der Narrenzug jedes Jahr am 6. Januar aus Wollerau heraus, fährt die Narrenschar an einen unbekannten Zielort, wo diese ausgiebig feiert, und bringt sie abends wieder zurück ins Höfnerland. Reichmuth: «Im Grunde eine sehr simple Idee,die auf der ganzen Welt aber einmalig sein dürfte.»


Gesitteter und braver


Fast 70 Jahre alt ist der Brauch des Beckitoggverbrennens, bei dem der Beckitogg für all das büsst, was die Wollerauer das Jahr durch «boosget händ», indem er den reinigenden Flammen übergeben und verbrannt wird.1998 wurde der Beckitogg,dessen Name sich aus den beiden Wörtern Becki (Wollerauer Hausberg) und Togg (Joggel) zusammensetzt, übrigens gestohlen und erst kurz vor Beginn des Malefizgerichts von den Entführern zurückgebracht, sodass die Wollerauer doch noch von ihren Sünden befreit wurden. «All diese Anlässe, die zum Vergnügen und zur Unterhaltung der Bevölkerung dienen, können wir nur dann auch in Zukunft anbieten, wenn wir genügend Mitglieder haben», resümiert Reichmuth. «Müssen wir die anstehenden Arbeiten hingegen auf immer weniger Schultern verteilen, wird es schwierig für uns.» Erschwerend wirkt sich die Gleichgültigkeit gegenüber der Fasnacht aus. «Vor allem Zuzüger interessieren sich oft nicht für dieses Brauchtum. Oder sie haben ein falsches Bild davon, halten es für primitiv. » Dabei, versichert Reichmuth, gehe es an der Fasnacht längst nicht mehr so rau und ungesittet zu und her wie früher. «In der Regel herrscht eine friedliche, aufgeräumte Stimmung. Das Publikum ist viel zahmer als noch vor 50 Jahren.»


Höfner Volksblatt und March-Anzeiger / Claudia Hiestand


 


 Schon früher waren die gezeigten Sujets oftmals provokativ und hochpolitisch. 1938 (links) rebellierte die Jugend gegen das Schulsystem, 1968 thematisierte ein Umzugswagen die Steuerpolitik im Kanton Schwyz. Bilder Archiv/zvg

Autor

Höfner Volksblatt & March Anzeiger

Kategorie

  • Brauchtum / Feste

Publiziert am

24.01.2018

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schwyzkultur.ch/y2gGWx