Musik
Zwei grosse Sonaten – zwei musikalische Welten
Simone Zgraggen und Ulrich Koella begeisterten am Samstagabend ihr Publikum in der Aula des Lachner Schulhauses Seefeld mit zwei überaus anspruchsvollen «grossen» Violinsonaten.
Beziehungsnetze prägen die Musikwelt seit Menschengedenken – auch zu verstorbenen Vorgängern, die die Mess-latten legen, an denen sich ihre Nachfolger messen mussten. Lion Gallusser, Intendant der Zuger Sinfonietta, führte vor dem Konzert in das Programm ein, das durch einen solchen Beziehungszauber zusammengehalten wurde. In den Fokus seiner Ausführungen rückte er die Violinsonate Nr. 1 op. 73 von Joachim Raff, die er mit seiner Frau Franziska für den renommierten Verlag Breitkopf & Härtel neu ediert hat – eine langwierige Arbeit, wie er beichtete, aber mit durchaus positivem Effekt. Er konnte die Konzertmeisterin «seines» Orchesters, Simone Zgraggen, dafür gewinnen, das Werk mit Ulrich Koella, einem ihrer regelmässigen Kammermusikpartner, einzustudieren und an verschiedenen Orten aufzuführen.
Perfektion in der Ausführung
Dass die beiden musikalischen Partner auf demselben Fuss standen, wurde nach wenigen Momenten in den drei Romanzen von Clara Schumann deutlich – eher ruhigen Stücken, die für Raffs damaligen Freund und Jahrhundertgeiger Joseph Joachim entstanden sind. Simone Zgraggen und Ulrich Koella trafen die verschiedenen Stimmungslagen mit technischer Brillanz und viel Einfühlungsvermögen. Dasselbe gilt für Raffs Violinsonate. In seinen Briefen erklärte der Komponist seiner Verlobten Doris Genast, wie sehr seine Liebe zu ihr in dieses Werk eingeflossen sei. Während er in den ersten beiden Sätzen – einem innigen ersten Satz und einem rhythmisch vertrackten Scherzo – die allzu subjektiven und persönlichen Aspekte gezügelt habe, seien die beiden letzten unverstellt Raff. Tatsächlich: Im leidenschaftlichen dritten Satz entwickeln sich heftige Gefühlsausbrüche, angetrieben aus den grüblerischen Tiefen des Klaviers. Und das Finale verbindet ein grimmig-humorvolles Thema mit inniger Tanzmusik, «Doris»-Seufzern und Fugato.
Die «Kreutzersonate», mit der Beethoven alle Massstäbe der Violinsonate sprengte, ist ebenfalls «gross» in den Dimensionen und im Anspruch, doch von ganz anderer Gestaltung als dieses Raff’sche Seelendrama. Es ist Musik, die die technischen Möglichkeiten der Instrumente und der Virtuosen, die sie spielen, auslotet. Auch sie ist überaus vielseitig, aber verspielter, mehr Musik zum Selbstzweck als Gefühlsabbild. Das macht sie nicht weniger anspruchsvoll für die Interpretierenden. Doch auch hier lies-sen die beiden hochvirtuosen Künstler nichts anbrennen. Das Publikum, sichtlich angetan, applaudierte lang und wurde gleich mit zwei Zugaben belohnt: Raff’schen und Beethoven’schen Miniaturen.
Höfner Volksblatt und March-Anzeiger / Severin Kolb
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