Dies & Das
Als die Schweiz noch versiegelt war
Wer früher kein Siegel hatte, war ein Niemand. Im Bundesbriefmuseum wird die Geschichte der einst bedeutenden Insignien nachgezeichnet.
«Siegel haben drei Bedeutungen», eröffnete Annina Michel, Leiterin des Bundesbriefmuseums, ihren Rundgang mit 20 Besuchern durch die Halle des geschichtsbeladenen Gebäudes: «Mit Versiegeln meint man abschliessen, geheim halten; es gibt das Gütesiegel, eine Bezeichnung für Qualität, und Besiegeln ist gleichbedeutend mit Ratifizieren, Bestätigen.» Am Anlass am Samstagmorgen ging es um Letzteres. Das Siegel als Bestätigungszeichen kam im 7. Jahrhundert aus den östlichen Hochkulturen nach Europa. Und es wurde zu einem Symbol der Macht: «Nur wer ein Siegel in den Händen hielt, hatte die Macht», erklärte Annina Michel. Symbolisch erkennbar sei dies heute noch an der Appenzeller Landsgemeinde, wo der Landammann dem Volk zu Beginn der Versammlung das Landessiegel präsentiere.
Das «falsche» Siegel am Bundesbrief
Am Bundesbrief von 1291 hängen nur zwei Siegel. Das Schwyzer fehlt, es ist im Verlauf der Zeit verloren gegangen. Interessant ist jedoch, dass die Reihenfolge der Siegel «verkehrt» ist, denn sie beginnt mit dem (verschollenen) Schwyzer und endet mit dem Unterwaldner. Annina Michel machte darauf aufmerksam, dass im Brief nur von Nidwalden die Rede sei, jedoch das Wappen von Unterwalden angehängt sei. «Entweder ist im Text oder dann im Siegel ein Fehler unterlaufen», kommentierte sie diese Unschärfe. Während Schwyz durchgehend den heiligen Martin im Landessiegel abbildet, konnte am Beispiel von St. Gallen die Entstehung und Verbreitung von Siegelbildern gut aufgezeigt werden. Auf dem St. Galler Siegel im ausgehenden Mittelalter ist der heilige Gallus abgebildet, der mit einem Bären spricht. «Mit dieser Szene soll verdeutlicht werden, dass Gallus von Gott auserwählt wurde, weil er mit einem Tier kommuniziert», unterstrich Annina Michel. Appenzell als ehemaliges Untertanengebiet erhielt als Detail aus dieser Schlüsselszene schliesslich den Bären im Siegel und – bis heute sichtbar – im Wappen. Interessant ist auch, dass Glarus dem heiligen Fridolin die Stange hielt – obwohl die Mehrheit der Glarner zur Reformation übertrat und die Reformierten bekanntlich die Heiligenverehrung ablehnen. «Offensichtlich war die Beständigkeit eines Standes wichtiger als die Ablehnung eines anderen Weltbildes», kommentierte die gebürtige Glarnerin diese Sequenz. «Siegel wurden nur in ganz wenigen Fällen verändert, am ehesten noch durch zusätzliche Symbole ergänzt.»
Die Zürcher glänzten mit dem grössten Siegel
Aufgefallen ist ihr auch, dass Zürich bei Besiegelungen – beispielsweise bei der Aufnahme des «zugewandten» Ortes Appenzell in die Eidgenossenschaft 1513 – stets mit dem grössten Siegel aller Stände auffällt. «Das sagt doch einiges über das Selbstverständnis der Zürcher aus», ergänzte die Vortragende mit einem Augenzwinkern. Die Dominanz der Städte zeigt sich auch daran, dass bei neuen Verträgen zuerst das Zürcher, dann das Berner und das Luzerner Siegel angebracht wurden. Die Reihe der nachfolgenden Stände richtet sich nach dem Eintritt in die Eidgenossenschaft. Wappen gehen nicht auf Siegel, sondern auf Fahnen zurück. Diese dienten auf dem Schlachtfeld dazu, Freund und Feind auseinanderzuhalten, und waren ein Zeichen der Zugehörigkeit. «Fahnen waren einfacher zu erkennen als die detailreichen Siegel», erklärte Annina Michel den unaufhaltsamen Übergang zu neuen Symbolen. So kamen einfache Symbole mit auffallenden Farben zur Orientierung auf dem Schlachtfeld auf. Sie wurden auch beim Auszug in den Krieg oder bei der Heimkehr öffentlich zur Schau getragen, während Siegel verwahrt wurden und nur wenigen Eingeweihten bekannt waren.
Siegel verschwinden, Wappen kommen auf
Im 18. Jahrhundert verloren die Siegel an Bedeutung und verschwanden im 19. Jahrhundert vollends als Bestätigungszeichen. Sie wurden durch die Unterschrift ersetzt. Das zeigt sich eindrücklich an den Kantonen, die im Nachgang zur Französischen Revolution in der Helvetik ab dem Jahr 1803 in die Eidgenossenschaft aufgenommen wurden – beispielsweise Graubünden, Aargau, Thurgau, Tessin und Waadt: Sie erhielten keine Siegel mehr, sondern ihre äusserliche Identität durch neu kreierte Kantonswappen. In Schwyz hat sich übrigens das alte Landessiegel mit dem heiligen Martin noch an einem einzigen Ort erhalten: Zum Ornat des Standesweibels (Kantonsweibels) gehört ein Stab. An dessen Spitze ist das Siegelbild des Landes Schwyz abgebildet – eine Erinnerung an längst vergangene Zeiten.
Bote der Urschweiz / Franz Steinegger
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