Dies & Das
Aus dem Übernamen James wurde ein Markenzeichen
James Kälin feiert heute Abend im Mauz Music-Club nach 40 Jahren Mitarbeit in der Kulturkommission des Kantons Schwyz, zusammen mit dem Kulturbeauftragten Franz-Xaver Risi und weiteren Wegbegleitern, seinen Abschied. Es gibt jedoch noch viele andere Facetten, die diesen engagierten Mann ausmachen.
Eigentlich heisst er ja Hanspeter Kälin, aber unter diesem Namen kennt man ihn wohl einzig innerhalb der Familie oder bei offiziellen Bezeichnungen. Ansonsten ist er ganz einfach bei allen James und das schon seit über sechzig Jahren. Doch wie kam er überhaupt zu diesem englischen Übernamen?
Das «Mädchen für alles»
James Kälin hat wie so viele Einsiedler einen grossen Teil seiner Jugendzeit in und um die legendäre, bald nicht mehr existierende, Hofstatt an der Schmiedenstrasse verbracht, ist er doch an der Fuchsenstrasse 3, also ganz in der Nähe, aufgewachsen. So sei er schon als kleiner Bub fürs halbe Haus «Poschtibueb» und «Mädchen für alles» gewesen. Er habe für die Wirtin und die Serviertöchter des Restaurants, aber auch für die Coiffeusen und Coiffeure im Damen- und Herrensalon im Dorf eingekauft und sich so sein ers-tes Taschengeld verdient. Dabei habe er aber oft die kleine Nadja, die Tochter von Nando und Silvia Calore-Reichmuth, die ebenfalls als Coiffeuse im Hofstatt-Salon arbeitete, im Kinderwagen mitnehmen müssen. Schon fast verständlich, dass ihn seine Schulkameraden deswegen immer wieder hänselten, zumal er eher ein scheuer, feiner und nicht sehr sportlicher Knabe war.
Schon als Dreikäsehoch habe er auch den Coiffeusen zudienen und ihnen die «Wickerli» für die Dauerwellen der Kundinnen reichen dürfen. Noch mehr Spass habe es ihm aber bereitet, in den damaligen Kabinen, die durch Vorhänge eine Privatsphäre garantierten, den Damen mit seinen eigenen Händen die «Wickerli» wieder herauszunehmen!
Der kleine Dieb
Tradition sei es auch gewesen, dass er jeden Sonntag für die Wirtin der Hofstatt, welche we-gen Kinderlähmung oft im Rollstuhl sass, in der Molki Einsiedeln an der Hauptstrasse eine Schüssel geschlagenen Rahm fürs Restaurant habe holen müssen, wie das für viele Gaststätten der Fall gewesen war. So sei er jeweils mit einer grossen Teigschüssel ausgerückt und habe sich das Gewünschte geben las-sen. Kaum um die Ecke sei jedoch die Verlockung einfach zu gross gewesen, das schützende Pergament-Papier anzuheben, die Finger in den Rahm zu tauchen und diese genüsslich abzuschlecken, hätten sie doch daheim selten «gschwungni Nidle » gehabt. An einem Sonntag habe ihn dann «s’Tante Päuli», die von allen so genannte Wirtin der Hofstatt, aufgefordert: «Hanspeter, setz dich doch mal hin!» Und sie habe eine grosse Schale Eis mit geschlagenem Rahm vor ihn hingestellt und dazu bemerkt: «Hanspeter, wenn du gerne Rahm hast, musst du mir das einfach sagen, dann gebe ich ihn dir und du musst ihn nicht stibitzen!»
Der leere Stammtisch-Stuhl
«S’Tante Päuli» war es aber auch, die bestimmte, dass während Monaten strikte der gleiche Stuhl am Stammtisch in ihrer Gaststube frei blieb. James Vater, Schneidermeister Hans Kälin-Giger, war wie so viele andere Handwerker aus dem Klosterdorf ein gern und oft gesehener Gast in der Hofstatt. 1968 starb er allerdings völlig unerwartet im Alter von erst 48 Jahren, und die Wirtin erwies ihm auf diese Weise die Ehre und erinnerte so auch die anderen Stammgäste über lange Zeit an den Verlust dieses beliebten Kameraden.
Alibi-Estrich-Räumungen
Auch seinem Firmgötti, dem weitherum bekannten Toni Reichmuth, welchem auch der Coiffeursalon gehörte, war der Primarschüler stets zu Diensten. So hiess ihn Toni oft am schulfreien Mittwochnachmittag mit dem Leiterwägeli vorbeizukommen, gelte es doch, den Estrich aufzuräumen. Mit dabei stets eine Flasche Wein für den Erwachsenen und eine Pastmilch für Hanspeter, ebenfalls eine Gaumenfreude, die es bei ihm daheim nie gab. So ging es dann in den obersten Stock der Hofstatt hinauf und auf Geheiss musste er diese und jene Schachtel öffnen und Toni den Inhalt zeigen. Dieser setzte sich dann hin und begann in aller Ruhe in Erinnerungen zu schwelgen, indem er alles durchkramte und anschaute und die freien Minuten genoss, während sein Firmpatenkind mit Genuss die Pastmilch trank. Am Schluss musste Hanspeter dann einfach symbolisch etwas Kleines in seinen Leiterwagen laden, damit es wenigstens den Anschein machte, als hätten sie im Estrich geräumt!
Autowäsche als Service inklusive
Toni Reichmuths Kunden im Herrensalon waren meistens auch Stammgäste in der Hofstatt, welche seine Schwester Paula führte, und etliche fuhren in edlen Karossen vor. So kam jeweils am Samstag einer um den anderen direkt vom Stammtisch weg zu ihm zum Haareschneiden. In dieser Zeit war es Hanspeters Aufgabe, sozusagen als Service inklusive, die Wagen einzushampoonieren, zu waschen und zu polieren, bis sie glänzten. Diesen Job liebte der junge, damals schon geschäftstüchtige Einsiedler, erhielt er doch einerseits immer einen Lohn für seine Arbeit und genoss er es andererseits, so hautnah an die-sen kostbaren Fahrzeugen zu sein, waren doch coole Autos von klein auf seine grosse Leidenschaft, was bis heute nicht anders ist.
An eine Episode erinnert er sich aber bis heute. Er habe bei grösster Kälte und mit klammen Fingern einen damals topaktuellen Mini Cooper waschen müssen, was bei diesen Temperaturen wirklich eine harte Aufgabe war. Als Belohnung habe jedoch der Besitzer gesagt, der Wagen sei nicht sauber, er bekomme keinen Lohn dafür. Da habe es ihm den «Huet glupft», und er habe den Schlauch genommen und aus Rache Wasser in den Auspuff gespritzt. Versteckt im Stall nebenan habe er dann ausgeharrt und zugesehen, als der Besitzer Toni, ein Angestellter im Coiffeursalon, seinen Wagen vergeblich starten wollte. Der Mini musste schliesslich mit vereinten Kräften schräg aufgebockt werden, damit das Wasser hinauslaufen konnte! Danach habe er aber schon Bammel gehabt, sich das nächste Mal in der Hofstatt zu zeigen, und er wartete für seinen Streich schon auf ein Donnerwetter, erinnert sich James noch genau an diese Tat. Doch zu seinem Erstaunen passierte das Gegenteil. Der Autohalter drückte ihm ein Fünffrankenstück in die Hand und sagte freundlich dazu: «Entschuldigung!» Wenn übrigens alle Kunden, welche jeweils am Samstagnachmittag am Stammtisch gesessen hatten, nebenan mit einer neuen Frisur bedient worden waren, ging es zusammen mit Toni Reichmuth «uf d’Gass», sprich wurden diverse Restaurants im Dorf abgeklappert, und dabei wurde wohl mehr als eines über den Durst getrunken, zumindest wenn genügend Geld vorhanden war, wie sich der 73-jährige James an diese Zeit erinnert.
Mit edlen Karossen du auf du
So schwärmt er auch von den tollen Autos, welche er in der Garage Wetzel gleich nebenan jeweils bewunderte, aber auch wie er es schätzte, dass er in jenen seines Firmgöttis und dessen Sohn Werni gar mitfahren durfte – häufig an Fussballspiele – waren doch die Reichmuths eigentliche Autofans. James Augen leuchten, als er von einem Ford Fairlane von Toni, einem Iso Rivolta oder Iso Grifa erzählt und der unwissenden Schreiberin sofort die entsprechenden Bilder dazu sucht! Wohl nicht umsonst ist James auch Mitglied im Oldtimer-Club Einsiedeln, liebt er seine eigenen vier Oldtimer vom VW Käfer Cabriolet über den VW Karmann Ghia, den spasseshalber sogenannten «Neckermann Ferrari», bis hin zum Hippie-VW-Bus und hat er diese Fahrzeuge auch gleich mit Begeisterung zu einem grossen Teil selber restauriert und revidiert. Nicht zu vergessen natürlich seine unverwüstliche Vespa mit Jahrgang 1961.
Coiffeur Werni Reichmuth hatte gar einen grünen Aston Martin besessen und Hanspeter fühlte sich darin wie ein kleiner, stolzer Lord. Sein Grossvater hatte ihm jeweils aus edlem Tweedstoff von alten, ausgebeulten Kleidungen einen Knickerbockeranzug mit passender Schirmmütze geschneidert, und so waren seine Schulkameraden oft neidisch auf ihn, vor allem wenn er dann noch prahlte, dass dieses vornehme Auto auch von James Bond gefahren werde! Kunststück, blieb dieser Name an ihm hängen, aber inzwischen ist er für ihn gar ein Markenzeichen, zumal es Leute gibt, welche gar nicht wis-sen, wie er wirklich heisst. Und da es in Einsiedeln stets einige Hanspeter Kälin gab, war und ist dies ein perfektes Unterscheidungsmerkmal. Dies geht sogar soweit, dass auf Adressen James Kälin steht und die Post problemlos bei ihm ankommt, sogar einmal, als auf einer Ansichtskarte aus Italien nur «James, Einsiedeln, Svizzera » zu lesen war.
Tanz auf unzähligen Hochzeiten
Es würde den Rahmen sprengen, möchte man auf alles weitere eingehen, was James Kälin, der übrigens seit Kindsbeinen an immer einen Hund gehabt hat, in all den Jahren bis heute geleistet oder auch hobbymässig ausgeübt und geliebt hat, aber eine grobe Aufzählung sei erlaubt, wenn man denn weiss wo anzufangen. So war er Möbeldesigner und Gastdozent für Möbeldesign an der Holzfachschule Biel, inklusive Workshops, Verfasser von Möbeldesign Trendbooks, Möbeldesign- Consultant (Berater) eines Wirtschaftsprogramms des Bundes, was ihn während 16 Jahren in die ganze Welt geführt, wo er Firmen betreut und Vorträge gehalten und an internationalen Möbelmessen Stände gestaltet hat.
Er war langjähriges Mitglied der Kulturkommission des Kantons Schwyz und des Bezirks Einsiedeln, ist Mitglied der Jury Kunst und Bau, war Gründungsmitglied des Architekturforums im Kanton Schwyz und des Energieberater-Vereins Einsiedeln und zehn Jahre in der Baukommission des Bezirks, Gestalter des kantonalen Auftritts von Schwyz am Zürcher «Sächsilüüte», am «Foire du Valais » und an der LUGA. Er hatte und hat Funktionen in diversen Stiftungs- und Verwaltungsräten inne. Über 30 Jahre führte und leitete er sein Architektur- und Innenarchitekturbüro mit bis zu 15 Angestellten und war er mehr als zehn Jahre verantwortlich für die architektonischen Belange des Klosters Einsiedeln.
Seine Heimat liegt ihm am Herzen
Ebenso engagierte er sich mit Herzblut für Einsiedeln und seine Geschichte, fürs Dorfleben und die Erhaltung von Bräuchen, war er doch über 40 Jahre im Vorstand der Welttheatergesellschaft, zehn davon als deren Präsident, und ab 2000 prägend für das neue Konzept. Auch war er Initiant und Gründungspräsident des Chärnehus und der Hudi-17-Fasnachtsgesellschaft, Mitinitiant des Museums Fram, «Gründungsgötti » des Rotary Clubs Einsiedeln, Leiter von diversen Kursen, zum Beispiel für die Herstellung von Teufelsmasken, und ist er heute noch mit Begeisterung Theaterspieler.
Aber auch persönliche Leidenschaften pflegte er und hegt er noch heute: in erster Linie das Beisammensein mit seiner Familie schätzen, Freundschaften und soziale Netzwerke pflegen, Velo- und Skifahren, die Gemeinschaft mit den Handball-Senioren geniessen, Segeln – er ist seit über 40 Jahren Mitglied im Segelclub Sihlsee, die Einsiedler Fasnacht, Häuser umbauen, Oliven ernten und Öl produzieren in der Toscana, Bastler, Tüftler und unverbesserlicher Sammler sein. Seine Zusammenfassung «Mein Büro ist ein halbes Museum», bringt es wohl am besten auf den Punkt. Und unweigerlich fragt man sich: Haben James’ Tage mehr als 24 Stunden gehabt?
Er aber meint dazu schlicht und von ganzem Herzen dankbar: «Ohne meine wunderbare Frau Priska, welche mich stets in allem unterstützt und wegen meiner häufigen Auslandaufenthalte jeweils die ganze Verantwortung für unsere Familie mit den drei Kindern übernommen hat, wäre dies alles nicht möglich gewesen. Umso mehr geniessen wir jetzt das Zusammensein und unsere Grosskinder.»
Einsiedler Anzeiger / Marlies Mathis
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