Musik
Die Adligen haben das Kloster Einsiedeln ruiniert
Im Jahr 1526 stand das Kloster kurz vor dem Aus. Die Gemeinschaft war auf einen einzigen Mönch zusammengeschrumpft. In allerletzter Minute kam die Rettung. Mit Renaissance-Musik wurde der historische Rückblick eindrücklich umrahmt.
Stille kann auch bedrohlich sein. Diese bittere Erfahrung machten die Schwyzer vor fünfhundert Jahren, als im Kloster eine gespenstische Ruhe herrschte. Der einzig verbliebene Mönch und amtierende Abt war 86 Jahre alt. Nachwuchs gab es keinen.
Nur Adlige durften ins Kloster
Am dritten Abend der Serie «Klang der Stille» erzählte Pater Dr. Thomas Fässler, wie es dazu kam. Schuld an diesem Desaster waren die Adligen. Nur ihre Söhne durften ins Kloster eintreten und von den Pfründen profitieren. Ihre Devise war, je weniger Mönche, umso höher der Profit jedes einzelnen. Gleichzeitig bekamen die jungen Männer durch Veränderungen der Lebenssituation neue Perspektiven und das Klosterleben ver-lor an Attraktivität. Trotzdem hat der damalige Papst im Jahr 1463 das Adelsprivileg bestätigt. Die privaten Wünsche waren wichtiger als das Wohl der Gemeinschaft.
Musik aus dem 16. Jahrhundert
Mit franko-flämischen und italienischen Melodien liess das Ensemble «Le Miroir de Musique» die Renaissance-Zeit aufleben. Es wurde auf der Viola d’Arco, auf Gamben und Lira gespielt. In engem Tonspektrum drehten sich ernsthafte Klänge, die sich nur zögerlich zum Aufbruch weiteten. Dann aber strahlten die stark rhythmisierten Melodien eine helle Zuversicht aus. Verzierungen und Ausschmückungen sorgten für eine wohltuende Leichtigkeit. In den Vokal-Stücken verbreitete der Tenor Schwingungen aus seinen körperlichen Resonanzräumen, als wäre er eine menschliche Orgel. Der Barocksaal war voll von Klängen und das Publikum verinnerlichte den Schall.
Der Papst war verschnupft
«Die Rettung kam von aussen», erklärte Pater Thomas, «und zwar von unerwarteter Seite.» Die Schwyzer schritten ein, obwohl sie politische und wirtschaftliche Gegner des Klosters waren. Ihnen ging es nicht in erster Linie um die Rettung des Konvents, sondern um den Erhalt des prestigeträchtigen Wallfahrtsortes, der als Landesheiligtum weit über die Grenzen hinaus eine hohe Bedeutung hatte. Sie holten in St. Gallen einen neuen Abt, Pater Ludwig Blarer. Damit überschritt die Schwyzer Obrigkeit, zum Miss-fallen des Heiligen Stuhls, ihre Kompetenzen. «Der Papst war verschnupft», meinte Pater Thomas schmunzelnd.
Der Dudelsack zeigt Charakter
Dass ausgerechnet die Schwyzer das Kloster Einsiedeln retteten, war damals höchst unwahrscheinlich. «Hilfe kommt nicht immer von dort, wo wir es erwarten », erklärte Pater Thomas und fuhr philosophisch fort: «1526 zeigt: Zukunft beginnt dort, wo jemand bereit ist, ungewohnte Wege zu gehen und Verantwortung zu übernehmen.» Im zweiten Musikblock erklangen balladenhafte Melodien. Mandoline und Dudelsack lösten mit ihren Erzählungen Emotionen aus. Es schien, als ob die Geschichten aus den Instrumenten aufsteigen würden, einladend, lockend, tanzend. Das Lied «Ich traw der lieben woll» klang hoffnungsvoll flehend. Laut und klar, in keltischer Manier, verströmte der Dudelsack Trotz, Widerspenstigkeit und Willenskraft. Das Programm des Jubiläumsjahres 1526 lud dazu ein, Musik als Quelle von Trost und Erkenntnis zu erleben, als consolatio musicae, die über Zeiten hinweg wirkt.
Es dauert manchmal länger, bis die Saat aufgeht
Für Einsiedeln ist die Rettung des Klosters ein Grund zum Feiern. Vor fünfhundert Jahren musste der Konvent neu aufgebaut werden. Es war ein Schritt ins Ungewisse. «Hoffnung, Mut und Geduld haben gezeigt, dass Zukunft möglich bleibt», sagte Pater Thomas. Abt Ludwig Blarer, als Mann des Übergangs, war es damals nicht möglich, die Probleme zu lösen. Erst ab 1545 blühte das Kloster personell und finanziell wieder auf. Pater Thomas sieht darin die Botschaft, dass nicht alles, was man beginnt, sofort vollendet werden kann. «Es dauert manchmal länger, bis die Saat aufgeht.»
Einsiedler Anzeiger / Anita Chiani
Autor
Einsiedler Anzeiger
Kontakt
Kategorie
- Musik
Publiziert am
Webcode
www.schwyzkultur.ch/yPdAEb