Film

Es gibt nur eine Art, gut zu sein, jedoch 1000 Facetten, das Böse darzustellen

Mit über 140 TV-, Serienund Kinofilm-Rollen ist Anatole Taubman seit mehr als 25 Jahren einer der national sowie international erfolgreichsten und populärsten Schweizer Schauspieler. Seine Laufbahn startete der Zürcher am Stiftstheater in Einsiedeln. Der 54-Jährige besuchte am 27. Juni seine ehemalige Schule.

EA/Angela Suter: Wie ich gelesen habe, bezeichnen Sie Einsiedeln als Ihre Heimat. Wie kommt es dazu?

Anatole Taubman: Einsiedeln ist für mich so viel mehr als ein Ort. Zu tief, um es in Worte zu fassen. Ein Gefühl. Identität, Zugehörigkeit, Sicherheit, Stabilität, Vertrauen, Geborgenheit, Verbundenheit und Gewissheit sind nicht nur wünschenswerte Eigenschaften, sondern elementare Kräfte – tief prägend und formend für jedes menschliche Leben. All diese Wesenszüge und Qualitäten habe ich damals zum ersten Mal in meinem Leben mit 16 Jahren erfahren. Lernen und wissen, Prinzipien vor persönliche Befindlichkeiten zu stellen, respektive zu setzen.

Ihre Mutter verbrachte ihren Lebensabend in Einsiedeln, bevor Sie 2016 verstarb. Noch heute trifft man Sie regelmässig im Klosterdorf. Wann waren Sie zum letzten Mal hier? 

Vor ungefähr sechs Wochen. Nächste Woche komme ich wieder und auch die Woche danach. Beruflich komme ich unregelmässig regelmässig nach Einsiedeln, da ich mich ruhig und konzentriert hervorragend in meine Rollen hineinleben und mich nach meinem Timing vorbereiten kann. Einsiedeln ist da wie eine Oase für mich. Und privat als Familie lieben wir es, in Einsiedeln zu sein und verbringen mehrmals im Jahr wunderschöne Zeiten in Einsiedeln. Pures Seelenglück.

 

Was gibt Ihnen Einsiedeln heute und weshalb leben Sie noch nicht hier?

Zürich ist mein Lebensmittelpunkt. Meine Frau ist beruflich in Zürich verankert und sehr beschäftigt. Mein Sohn geht zur Schule und ist seit Geburt in unserer Nachbarschaft herrlich sozial eingebettet und eingebunden. Einsiedeln gibt mir persönlich alles. Es ist sozusagen mein «Holiest of Holy Grail». Purer Seelenfrieden.

 

Sie kamen, nicht ganz freiwillig, mit 16 Jahren direkt aus der Jugendstrafanstalt an die Stiftsschule. In einem früheren Interview erzählten Sie, das Kloster sei Ihre Rettung gewesen. Wie meinen Sie das?

Sicherheit, Geborgenheit, Verlässlichkeit, Vertrauen, Selbstachtung, Ehrlichkeit und Wirklichkeit sind keine blossen Tugenden. Sie sind elementare Kräfte, die jedes Leben prägen. Sie sind meine ständigen Begleiter – geformt durch ihre Abwesenheit ebenso wie durch das lebenslange Streben nach ihnen. Das Kloster und seine Patres, die Stiftsschule sowie das Internat waren der erste Ort in meinem Leben, der mir das vermittelt hat. Ich war 16 Jahre alt, als ich eintrat.


Können Sie sich noch daran erinnern, als Sie zum ersten Mal die Klostermauern betraten?

Als ob es gestern gewesen wäre! Sogar Geruch, Geräusche und Temperatur. Urtümlich. Archaisch.

 

Wie hatten Sie sich nach Ihrem Start an der Stiftsschule eingelebt?

Ein Freund von mir ging bereits ins Internat. Das hat enorm geholfen. Das Einleben verlief ganz natürlich – unaufgeregt, fast wie von selbst und erstaunlich schnell. Aus einem fremden Ort wurde ein Zuhause auf Zeit – geprägt von Gemeinschaft, Vertrauen und Begegnungen, die mich bis heute begleiten.

 

Welche Erinnerungen haben Sie an die Stiftsschule?

Unzählige. Ich weiss wirklich gar nicht, wo ich anfangen soll …

 

Hatten Sie ein Lieblingsfach?

Mehrere … Latein , Französisch, Geschichte, Turnen und Philosophie.

 

Sie sprechend fliessend Englisch und Deutsch sowie Französisch und Italienisch. Haben Sie das der Stiftsschule zu verdanken?

Deutsch und Englisch sind meine Muttersprachen. Italienisch und vor allem Französisch hab ich der Stiftsschule, also vor allem Herrn André Kaiser, zu verdanken. Er war fantastisch, einer meiner Lieblingslehrer mit ausgeprägten People Skills und einer gesunden Mischung von Wärme, Humor und Autorität. Und … ganz wichtig … er hat uns ernst genommen. Wir hatten grossen Respekt.

 

Sie besuchten während zirka 4,5 Jahren das Internat. Wie erlebten Sie diese Zeit und lernten Sie in dieser Zeit auch das Dorf Einsiedeln kennen?

Es ist einfach unmöglich, dieser so wichtigen, ausschlaggebenden und charakterbildenden Persönlichkeitsentwicklung, die in dieser Zeit stattgefunden hat, in diesem Interview gerecht zu werden. Natürlich gab es auch sehr viele Schnittstellen mit dem Dorf, auf vielen Ebenen.

 

Gibt es Freundschaften, die bis heute hielten?

Ja. Da ist das Vertrauen schon inklusive.

 

Wie kamen Sie dazu, am Stiftstheater mitzuspielen?

Pater Kassian war dazumal nicht nur mein Präfekt, sondern auch Theaterleiter. Er fragte mich, ob ich Erzantagonist Shylock in Shakespeares «Der Kaufmann von Venedig» spielen möchte.

Und so spielten Sie schon am Stiftstheater den Bösewicht. Können Sie sich erklären, weshalb sich die Rolle der Bösewichte durch Ihre Karriere zieht?

Da gibt es mehrere Gründe. Ein Grund liegt wohl in meinen markanten Gesichtszügen und den natürlichen dunklen Ringen unter den Augen – sie prädestinieren mich geradezu für Antagonisten, zumindest im englischen Sprachraum. Es ist auf jeden Fall viel spannender, Figuren oder Menschen mit Widersprüchen und Verletzlichkeit zu spielen. Es gibt nur eine Art, gut zu sein, jedoch 1000 Facetten, das Böse darzustellen. Das macht mich hungrig, einzutauchen. Pure Neugierde und Faszination.

 

Wohin führte Sie Ihr Weg nach der Matura?

 Vier Tage danach ging es direkt nach Amerika, über Boston nach New Hampshire an ein beliebtes Sommertheater «The Weathervane Theatre». Ein Jahr später folgte das Schauspielstudium an der renommierten New Yorker Schauspielschule Circle in the Square.

 

Welches war Ihre bisher wichtigste Rolle?

Jede Rolle, jeder Mensch, mit dem ich Zeit verbringe, ist mir in der Zeit, in welcher ich mich mit ihm beschäftige, die oder der Wichtigste. Meine Traumrolle ist und bleibt Valmont aus «Gefährliche Liebschaften ». Jene Figur, die John Malkovich unvergesslich verkörperte … Intelligenz, Charme und Ambivalenz.

 

Was ist das nächste Projekt, das man von Ihnen sehen wird?

Am 2. September 1998 ereignete sich die grösste Tragödie der Schweizer Luftfahrtgeschichte. Ich spiele in «111 Echoes from Halifax» die ehrenvolle, tragische Rolle des Piloten Captain Urs Zimmermann. Der Film startet am 1. Oktober schweizweit in den Kinos. Ab Ende Oktober stehe ich in der zentralen Gegenspielerrolle eines amerikanischdeutschen Horrorthrillers vor der Kamera.

 

Welche beruflichen Träume haben Sie noch?

Privat ist mein Horizont noch voller Träume. Beruflich freue ich mich riesig darauf, eines Tages wieder auf der Bühne zu stehen – in der Schweiz, in einem Solostück.

 

Zurück zum Alteinsiedlertag: Weshalb nahmen Sie an diesem Ehemaligentreffen teil?

Ich war noch nie an einem Alteinsiedlertag und wollte das unbedingt einmal erleben und hatte an jenem Samstag auch Zeit.

 

Wie verbrachten Sie den Tag?

Ich war ab Mittag vor Ort. Es war ein wunderschöner, unvergesslicher Tag für mich. Ein Zustand tiefen Friedens. Sie kennt ja vermutlich jeder. Aber erkannten Sie auch Ihre damaligen Klassenkollegen? Und wie, natürlich. Sie wiederzusehen war pures Herzensglück.

(Das Interview wurde schriftlich geführt.)

 

Einsiedler Anzeiger / Angela Suter

Autor

Einsiedler Anzeiger

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Kategorie

  • Film

Publiziert am

17.07.2026

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