Dies & Das
Einsiedeln – «Ein Dorf von Welt» in einer Ausstellung
Am 18. April eröffnet das Museum Fram seine Dauerausstellung über Einsiedeln mit dem Titel «Ein Dorf von Welt». Darin werden das Klosterdorf und seine Geschichte auf den Gebieten der Kultur, Religion und Wirtschaft gezeigt und erklärt.
Dorf und Welt: In den Augen der Ausstellungsverantwortlichen ist Einsiedeln ein Ort, wo sich der Austausch über lokale, regionale und nationale Grenzen hinaus besonders auffällig zeigt. Einsiedeln ist ein kultureller, religiöser und wirtschaftlicher Umschlagplatz. Seit Hunderten von Jahren kommen Menschen nach Einsiedeln, um die wundertätige Schwarze Madonna in der Klosterkirche zu besuchen und in einem der immer noch zahlreichen Gasthäuser einzukehren, in neuerer Zeit auch um Sport zu treiben oder schlicht einen sonnigen Herbsttag über der Nebelgrenze zu geniessen. Was in Einsiedeln trotz seiner historischen Bedeutung, seiner internationalen Bekanntheit und seiner Beliebtheit bisher fehlte, war ein konstant zugänglicher Ort, an dem sowohl Einheimische als auch Auswärtige etwas über die Geschichte Einsiedelns erfahren und sich mit dem Gestern, Heute und Morgen des Klosterdorfs auseinandersetzen können. Das Museum Fram schliesst jetzt diese Lücke.
Geschichte …
Die Ausstellung orientiert sich einerseits an der Chronologie der Geschichte und erzählt andererseits Geschichten über prägende Figuren aus Einsiedelns Vergangenheit, die teilweise bis in die Gegenwart hinein nachwirken. Der Rundgang beginnt mit einem filmischen Prolog. Der Einsiedler Roman Kälin, ein vielfach ausgezeichneter Visual Effects Artist, erzählt die Legende des heiligen Meinrad mit den Mitteln des Animationsfilms. In knapp fünf Minuten begegnen die Besucherinnen und Besucher dem Eremiten aus Reichenau, der im «finsteren Wald» seine Klause baut, dort im Jahr 861 von zwei Räubern totgeschlagen wird, die nur deshalb hingerichtet werden können, weil zwei Raben sie bis nach Zürich verfolgen. Das Dorf im Schatten des Klosters – so ist das erste Kapitel überschrieben. Die Benediktinerabtei wird 934 von einem Domprobst aus dem Elsass gegründet, von wo auch die ersten Siedler kommen und den Kern der jungen Dorfgemeinschaft bilden. Die Bevölkerung ist noch über Jahrhunderte vom Kloster abhängig, das ein Monopol auf alle relevanten Wirtschaftszweige hat.
Das zweite Kapitel heisst Moderne Wallfahrt, blühende Industrie. Es zeigt, wie der Einfall der Franzosen 1798 die Bevölkerung zwar traumatisiert, die politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen ihre rechtlichen und wirtschaftlichen Möglichkeiten aber stärken. Das Kloster verliert seine Privilegien, verschiedene Bereiche der Wirtschaft werden privatisiert. In guten Jahren kommen bis zu 200’000 Pilgerinnen und Pilger nach Einsiedeln, es entsteht eine eigentliche Wallfahrtsindustrie. Am Ende des 19. Jahrhunderts gehört Einsiedeln mit 8500 Einwohnerinnen und Einwohnern zu den 15 grössten Ortschaften der Schweiz. Aktuell ist Einsiedeln halb Zentrum, halb Peripherie. Das dritte Kapitel handelt vom schnellen Wachstum des Dorfes. Im Bezirk Einsiedeln wohnen jetzt 16’500 Personen. Die Landschaft mit dem Sihlsee und das intakte Dorfleben locken immer mehr Menschen ins Klosterdorf, das während des ganzen Jahres von Tagestouristen und Wallfahrern besucht wird.
… und Geschichten
Eine Fülle von Objekten, begleitet von Objektlegenden und Thementexten, illustrieren die Geschichte von Kloster und Dorf. Dazu kommen Geschichten von Persönlichkeiten, die belegen, dass Einsiedeln «Ein Dorf von Welt» ist. Der 1493 in Egg am Fuss des Etzels geborene Naturphilosoph und Arzt Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus, gilt als Vater oder wenigstens als Wegbereiter der heutigen Chemotherapie. Der spätere Reformator Ulrich Zwingli hinterlässt ab 1516 Spuren in Form von Anmerkungen in Büchern der Stiftsbibliothek, aber auch im Dorf, wo er eine Frau in andere Umstände bringt. Pater Athanasius Tschopp aus Knutwil entwickelt 1840 im Kloster den «Copirtelegraphenapparat », einen Vorläufer des Faxgeräts, unterstützt vom Einsiedler Mechaniker Meinrad Theiler, dessen Sohn die Vorgängerfirma von Landis & Gyr gründet. Ein anderer Mönch, Pater Cölestin Muff, ist ein Bestsellerautor des Einsiedler Benziger Verlags. Seine Bücher, etwa «Hausfrau nach Gottes Herzen», prägen ab 1900 die katholischen Moralvorstellungen bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus. Für einen anderen Bestseller im gleichen Verlag sorgt Franz Caspar aus Rapperswil. Er unterbricht sein Studium und macht eine Verlagslehre bei Benziger. 1938 übersetzt er als 22-Jähriger «The Adventures of the Little Wooden Horse» von Ursula M. Williams und schreibt später eine Fortsetzung unter dem Titel «Das Rösslein Hü zieht wieder in die Welt».
Im Benziger Verlag arbeiten mehrere Familienangehörige der beiden Einsiedler Daniel Keel und Rudolf C. Bettschart. Die beiden tragen das Verleger-Gen nach Zürich und gründen 1952 den Diogenes Verlag, den sie zum grössten unabhängigen Belletristik-Verlag Europas machen. Der Primarlehrer und Musiker Artur Beul komponiert und textet Volkstümliche Schlager, bevor es diesen Begriff überhaupt gibt. «Nach em Räge schint Sunnä » schafft es 1948 als «Toolie Oolie Doolie (The Yodel Polka)» in die US-Hitparade.
Zukunftslabor
Eine Art Epilog beschliesst die Ausstellung: Jüngere Einsiedlerinnen und Einsiedler – hier geborene und zugezogene – erzählen, was sie an ihrem Dorf schätzen, was sie vermissen und ob sie ihre Zukunft hier oder anderswo sehen. Evelyne Marty hat Frauen und Männer vor die Videokamera geholt und zeigt einen Querschnitt durch ihre Statements.
Einsiedler Anzeiger / mitg.
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Einsiedler Anzeiger
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