Bühne

Stiftstheater Einsiedeln – «Ich bleib’ ich und das ist gut»

Die Mutter hat sich auf einen Theaterabend gefreut. Stattdessen lümmeln die Töchter auf dem Sofa herum und zappen sich durch Fernsehsendungen. Schlag auf Schlag wechseln auf der Bühne die Szenen, während die Mutter putzt.

Bravourös schlüpfen die Schauspielerinnen des Stiftstheaters in die jeweiligen Rollen. Sie unterwerfen sich den Wünschen der Teenies, die vom Wohnzimmer aus ständig den Sender wechseln. Rasant werden die Kostüme ausgetauscht, das Bühnenbild umgestaltet und neue Requisiten bereitgestellt. Auf allen Kanälen geht es um die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft. Dazu gibt es Pommes Chips.

 

Die Fernbedienung steuert das Theater 

Eigentlich wollte die Familie zum Geburtstag der Mutter ins Theater, um «Ciao Ciao Ciao» anzuschauen. Doch die Mädchen vermasselten es, weil sie beim Schickmachen trödelten. Sie bleiben zu Hause. Alle, ausser der Mutter, fläzen herum und streiten sich über die Program-me. Der Vater hätte gerne eine Dokumentation über Schimpansen geschaut. Mit der Bemerkung: «So ein Affentheater, das ist langweilig», wird ihm die Fernbedienung abgenommen. Zapp – Die Tiere verschwinden von der Bühne, eine Dame in Glitzerkleid erscheint und spielt auf der Gitarre «Bella ciao». Im Wohnzimmer bückt sich die Mutter und nimmt den Dreck auf. Die Show geht weiter mit eleganten Balletteusen und dem nachdenklich wirkenden Songtext: «Immer, wenn die Wolken ziehen, denk ich daran, mitzugehen.» Das ist den Teenies zu philosophisch.

 

Spektakel mit Tiefgang 

Zapp – In einer Selbsthilfegruppe provozieren sich anonyme Hipster gegenseitig und strapazieren ihre Therapeutin. Sie zit-tern, klappern und zappeln bis an die Schmerzgrenze. Eine Normale unter ihnen lernt, dass Probleme leidenschaftlich sein müssen, damit sie Leiden schaffen. Das Stück «Ciao Ciao Ciao» bietet ein Spektakel, das oberflächlich erscheint, aber viel Tiefgang hat. Es werden unterschiedliche Sichtweisen auf die Weiblichkeit gezeigt. Dem Publikum wird der Spiegel vorgehalten. Als Heidi Klum ihren Topmodels von oben herab die Leviten verliest, weil «das nette Mädchen von nebenan» nicht perfekt genug ist, hält es die Mutter nicht mehr aus. Sie legt ihr Buch zur Seite und schimpft über das katastrophale Frauenbild und den Schlankheitswahn. Zapp – der Vater schaltet weiter. Shakespeares Stück «Der Widerspenstigen Zähmung» läuft. Hier wird eine aufbegehrende Frau in ihre Schranken verwiesen. Dieser Klassiker hätte der Mutter gefallen.

 

Wertvolle Botschaften 

Zapp – eine Spitzensportlerin steht als Werbeträgerin für Ski, Snacks und Getränke im Zentrum. Sie mampft und trinkt während des Interviews. Ihre Leistung ist sekundär. Der Vater ist begeistert: «Nehmt euch an ihrem Erfolg ein Beispiel!» Die Teenies stellen fest, dass Erfolg allein nicht mehr genügt. Man muss hervorstechen, schneller, cleverer, spezieller sein. 24 Mädchen und 2 Jungs zeigen mit ihren vielfältigen Einsätzen Theaterkunst vom Feinsten. Sie schaffen es, dem Publikum einen Fernseh-Abend vorzugaukeln, mit all den dazugehörigen Tücken und Ärgernissen. In «Ciao Ciao Ciao» gibt es viele wertvolle Botschaften. Eine davon ist das wiederholende Lied der Hipster-Therapeutin: «Ich bleib’ ich und das ist gut.» Diese Aussage gilt für Normale genauso wie für Ausgeflippte.

 

Einsiedler Anzeiger / Anita Chiani

Autor

Einsiedler Anzeiger

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Kategorie

  • Bühne

Publiziert am

17.03.2026

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