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Schwyzerörgeli: Wer hats erfunden?

In der vergangenen Ausstellung «Volksmusik» im Forum Schweizer Geschichte stand nebst Jodeln, Alphorn und Hackbrett auch das Schwyzerörgeli im Fokus. Doch ist das Instrument eine Schwyzer Erfindung?

In Zeiten geopolitischer Wirren besinnt man sich vermehrt auf heimische Werte und Traditionen. Doch bereits bevor links und rechts von Europa grössenwahnsinnige Narzissten die Weltordnung neu zu definieren versuchen, kam der Begriff «Swissness» auf. Mit dem Effekt, dass Schwingen quer durch die Gesellschaft zum Kultsport avancierte, Trachten plötzlich als chic galten und die Volksmusik nicht mehr bieder oder gar als verstaubt empfunden wurde. Im Gegenteil. Sie ist cool, und dies nicht erst seit den Genderbüebu und den heimischen Rusch-Büeblä, die übrigens am 20. November 2027 das Hallenstadion rocken. Mittendrin in diesen Entwicklungen steht ein A4-Blatt hohes, knapp 3 Kilo schweres Instrument mit 31 wechseltönigen Melodie- und je 9 Bass- und dreistimmigen Begleitakkord-Knöpfen, was zur etwas unsinnigen Betitelung «18-Bass» führte. Das Schwyzerörgeli. Sein Klang assoziiert wie der Jodel oder das Alphorn Heimat. Vielleicht sogar Innerschwyzer Heimat. Aus gutem Grund.

 

Innovative Schwyzer

Hier – genauer gesagt im schwyzerischen Pfäffikon – hat 1883 ein Fabrikspengler namens Robert Jten, der bereits als Stimmer von Harmonikas mit diesem Instrumententypus in Kontakt stand, erstmals eine solche Zauberkiste gebaut, die dank einem Luftbalg auf Zug und Druck Zinkstimmen zum Erklingen brachte. Zwei Jahre später baute Alois Eichhorn im Schwyzer Hinterdorf ein nahezu identisches Instrument, was wohl erst recht den Namen Schwyzerörgeli festigte. Die ersten Jahre waren geprägt von mechanischen und musikalischen Experimenten. Und auch wenn Robert Jten mit einem 16-bässigen und 27 Melodietöne umfassenden Instrument den Grundstein legte, schaffte Alois Eichhorn dank der konsequenten Fortsetzung dieses Systems den Durchbruch. Robert Jten verirrte sich in laufend wechselnde Bass-Systeme, und seine Nachkommen scheiterten auch an der eher laschen Unternehmermoral. Beide Produzenten hatten damals eine Alternative im Angebot: das Stöpselbass-Schwyzerörgeli. Melodieseitig gleich wie sein grosser Bruder, auf der linken Seite aber ein Bass- und Begleitsystem, das gegenüber dem «normalen » Schwyzerörgeli schlichter, aber durch seine teilweise Wechseltönigkeit noch komplizierter zu spielen war. Heute geniessen die bis 1925 gebauten Instrumente bei Liebhabern und zunehmend mehr jungen Musikanten Kultstatus.

 

Vom Emmental nach Schwyz

Und eben das – im Jargon «Stöpselbässli » genannte – Instrument belegt, dass die Herren Jten und Eichhorn nicht einfach eine göttliche Eingebung hatten, sondern eine Vorlage. Diese stammt aus dem Emmental, genauer gesagt aus Langnau, und heisst logischerweise Langnauerli. Lokal gab man dem schmucken Instrument den Namen «Harpfe» oder «Harfe». Es ist eine Entwicklung der Familie Gottfried Herrmann in Langnau, die nicht nur das Restaurant Sternen, sondern im Keller auch eine Drechslerei betrieb. Dort war offenbar über eine längere Zeit ein Vorarlberger Zimmermann auf der «Walz». Dieser soll – und in der einschlägigen Literatur wird das faktisch unmögliche Jahr 1836 genannt – ein Nachfolgeinstrument aus der Manufaktur des Wiener Instrumentenbauers Cyrill Demian im Gepäck gehabt haben. Die Geschichte gilt es nicht zu bezweifeln, eher die Jahreszahl. Denn Herr Demian und seine Söhne meldeten am 23. Mai 1829 beim kaiserlichköniglichen Hofpatentamt ein von ihnen erfundenes Instrument – das «Accordion » – an. Das Ur-Modell aller handbetriebenen, mit Luftbalg und Stimmzungen zum Erklingen gebrachten Instrumente. Die ältesten noch bekannten Langnauerli waren gegenüber dem Demian- Instrument bereits eine massive Weiterentwicklung, und so wagt der Autor zu behaupten, dass das Langnauerli erst in den 1850er-Jahren des 19. Jahrhunderts in den Emmentaler Bauernstuben erklang und Freude bereitete. Ist somit ein Wiener namens Cyrill Demian der Urvater des Schwyzerörgelis? Nein, denn auch er grub im Fundus der Geschichte – und die geht zurück bis 2000 Jahre vor Christus und handelt in China.

 

Aus dem Reich der Mitte

Denn um mit Druckluft Töne zu produzieren, braucht es eine mechanische Klangerzeugung. Diese können – wie bei den Kirchenorgeln – Pfeifen sein. Im Falle des «Accordions» oder ab 1850 des Akkordeons und ab 1883 des Schwyzerörgelis beruht diese auf den durchschlagenden Zungen. Man stelle sich eine U-förmige Metallplatte vor, in deren offenem Teil eine dünne Metallzunge montiert ist. Wird die Zunge mit Druckluft bespielt, fängt diese an zu schwingen, was einen Ton erzeugt. Bei mehreren gedrückten Knöpfen erklingen entsprechend mehr Töne. Je länger die Platten und die Zungen, desto tiefer der Ton oder umgekehrt. Somit ist faktisch ein Tonumfang wie beim Klavier möglich. Dieses System stammt aus China, und das Instrument wurde Sheng genannt, hatte aber – ausser vom Klangerzeugungssystem – rein gar nichts mit den handbetriebenen Knopfharmonikas zu tun.

 

Eine mechanisierte Mundharmonika

Aber das System fand seinen Weg nicht erst nach fast 4000 Jahren Wartezeit in ein Demian-Instrument. Bereits ab dem 15. Jahrhundert gab es Instrumente mit Stimmzungen und gar Registern zur Imitation von Instrumenten wie Trompete oder Posaune. Das bekannteste System nannte sich Harmonium, entstand um 1750 ebenfalls in Wien und wurde dort despektierlich Halleluja-Pumpe genannt, weil es mehr oder weniger eine portable Kirchenorgel war. Massiv kleiner war die einem Cembalo ähnelnde Physharmonika mit der gleichen Tonerzeugung. Das – nebst dem Trümpy – kleinste und heute noch gängige System ist die Mundharmonika, deren Erfindung auf zirka 1810 datiert ist. Cyrill Demian hat die Mundharmonika, banal ausgedrückt, mechanisiert, mehrstimmig gemacht und mit einem kleinen Bassregister ausgestattet. Von 1829 bis 1950, als wiederum ein Wiener namens Franz Walther mit seiner später Schrammelharmonika genannten Handharmonika das erste chromatische Akkordeon baute, durchlief die Idee eines portablen Instruments, das mehrstimmig und mit Bass- und Akkordbegleitung spielbar war, eine rasante Entwicklung, die eben auch – und wohl aus Zufall – in Langnau bemerkt wurde und so die Basis für das Schwyzerörgeli legte. Und zur einleitenden Frage: Das Schwyzerörgeli ist eine Schwyzer Erfindung. Denn keines der weltweiten Harmonika- Systeme und auch die Optik sind mit «unserem Örgeli» identisch. Und darauf dürfen wir – die Herren Jten und Eichhorn in Ehren – stolz sein.

 

Bote der Urschweiz / Roger Bürgler

Autor

Bote der Urschweiz

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Kategorie

  • Musik
  • Volksmusik

Publiziert am

30.06.2026

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