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Werner Oechslin zur Bibliothekskrise: «Die Erdrosselung einer Idee»
Im Bulletin Scholion (Ausgabe 17/2025) erhebt Werner Oechslin, Gründer der Stiftung Bibliothek Werner Oechslin und einer der bekanntesten Architekturhistoriker der Schweiz, deutliche Vorwürfe. Sein Text ist eine Abrechnung mit politischen und institutionellen Entscheidungen.
Oechslin schreibt ausdrücklich aus der Perspektive des Betroffenen: als Stifter, als Wissenschaftler und als jemand, der seit Jahrzehnten Verantwortung für diesen Ort trägt. Die Bibliothek sei nicht wegen mangelnder wissenschaftlicher Leistung in Schwierigkeiten geraten, sondern weil ihr die öffentliche Unterstützung entzogen worden sei.
Ohne Grundfinanzierung seit Anfang 2025
Gleich zu Beginn hält Oechslin fest, dass sich die Situation dramatisch zugespitzt habe. «Seit dem 1. Januar 2025 steht die Stiftung Bibliothek Werner Oechslin ohne öffentliche Unterstützung da», schreibt er (der EA berichtete). Zwar gebe es weiterhin punktuelle Beiträge für Veranstaltungen oder Publikationen, doch diese könnten das strukturelle Problem nicht lösen. Betrieb, Forschung, Katalogisierung und Personal seien ohne stabile Basis gefährdet. Von Planungssicherheit könne keine Rede sein. Oechslin beschreibt einen Zustand dauernden Provisoriums: «Vom Erreichen eines einigermassen ausreichenden und dauerhaften, ‹nachhaltigen›, langfristig gesicherten Zustandes träumen wir derzeit», schreibt er – und ergänzt, man angle sich «von einer zur nächsten Möglichkeit, oft vergeblich hoffend und doch stets weitersuchend».
Einsiedeln als bewusster Ort der Bibliothek
Dass die Bibliothek in Einsiedeln steht, ist für Oechslin zentral. In seinem Text erscheint der Ort als der lange gesuchte «Bücher-Ort», den er über Jahrzehnte vorbereitet habe. Auch architektonisch sei der Standort bewusst gewählt worden: Die Bibliothek komme «auf den alten Jakobsweg zu stehen». Mario Bottas Reaktion darauf war: «Dein Weg ist meine Mauer.» Er zeichnete eine Linie; daran fügt sich der Baukörper. Die Bibliothek ist – vorerst in den Köpfen und in der Skizze – geboren. Vom Rückhalt zur Ablehnung in Einsiedeln Als Stiftungsgründer habe er geglaubt, die Bibliothek könne gemäss ihrem Zweck auch kulturell wirken, Debatten anstossen und Wissen in die Region zurückspielen. Doch genau das sei nicht erwünscht gewesen. Seine Enttäuschung fasst er so zusammen: Man habe «keine Folgen gewollt, keinerlei Einmischungen, die den Rahmen einer Bibliothek als Bücher- und Datenspeicher sprengen». Der Kanton Schwyz und das Argument «Was bringt’s?» Besonders schwer wiegt für Oechslin der politische Entscheid auf kantonaler Ebene. Nach dem Ende der Kooperation mit der ETH habe die Regierung des Kantons Schwyz einspringen » wollen. Politisch sei das Projekt jedoch gekippt – nicht an fachlichen Argumenten, sondern an Stimmungen und Widerständen.
Immer wieder nennt Oechslin dasselbe Schlagwort: «Mit dem egoistischen, zeitgeistigen Argument ‹Was bringt’s?› ging man gegen das Ansinnen vor.» Für ihn ist diese Frage Ausdruck eines grundlegenden Missverständnisses. Die Bibliothek werde plötzlich nach einer Logik beurteilt, die mit Forschung wenig zu tun habe. Erwartet worden sei stattdessen «ein musealer Betrieb mit möglichst vielen Besuchern ». Sein Urteil ist deutlich: Das sei «ein sehr restriktiver Massstab, was Nützlichkeit im Staat angeht».
Das Nein vom 27. Juni 2024
Der Entscheid des Schwyzer Kantonsrats vom 27. Juni 2024 markiert für Oechslin den Bruch. Er hält fest, wie knapp das Ergebnis ausfiel: «Es fehlten im Schwyzer Parlament gerade mal 8 Stimmen; 54 Nein- gegen 40 Ja-Stimmen.» Dass eine international angesehene Forschungsinstitution an einem solchen Mehr scheitert, empfindet er als beunruhigend. Seine Empörung bündelt sich in der Feststellung, dass «eine kleine Minderheit – mit ganz persönlichen Animositäten – ganz korrekt nach direktdemokratischer Ordnung eine international angesehene und durchaus blühende Institution ‹vom Tisch gewischt› habe. Entscheidend sei am Ende nicht Fachlichkeit gewesen, sondern das Bauchgefühl – und natürlich keinerlei wissenschaftliche Erwägungen – gemäss dem Motto ‹Was bringt’s?›».
Boykott und ein Jubiläum ohne Feier
Wie sehr sich dieses Klima auch lokal ausgewirkt habe, zeigt Oechslin am Beispiel des nicht gefeierten Jubiläums zum 25. Jahr der Gründung der Stiftung. Statt Feststimmung habe es Boykott und Stimmungsmache gegeben. «Aus lokalen Motiven boykottierten dann die Einsiedler Zünfte unsere Ausstellung zu Landenberger», schreibt er. «Es rumorte allenthalben. Meinungsmacher waren unterwegs und warben gegen uns.» Die geplante Feier zum 25-jährigen Bestehen zerfiel, «da war es aus mit der Festlaune». Seine Frage lautet: «Was hätte man da feiern sollen – ein vorläufiges Überleben?» – «Der Apéro fand nicht statt; letzte Bemühungen um die Zukunft gingen weiter.» Kritik an ETH und Bundespolitik Die Kündigung der Zusammenarbeit durch die ETH bezeichnet Oechslin als «Akt rücksichtsloser Zerstörung einer Idee». Sein Urteil fällt scharf aus: «Das hat das Zeug zu einem nationalen Skandal» und zeige «die ganze Arroganz der mächtigsten aller Schweizer Bibliotheken – und die kulturellen Grenzen einer ‹technischen› Hochschule».
Auch Bern bleibt nicht verschont. Oechslin schreibt, die Bundesbürokratie habe «das einzige verbliebene Schlupfloch einer möglichen Unterstützung der Bibliothek – Art. 15 des Hochschulgesetzes FIFG – zugestopft ». Sein Fazit: «‹Man› will solche Institute nicht mehr unterstützen, beschliessen Bürokraten ‹ohne Namen›, will neue verbieten, bestehende abbauen – alles zugunsten von (blossen) Dienstleistern und Technologie.»
Plan B und ein offenes Ende
Trotz allem endet Oechslins Text nicht mit Kapitulation. «Wir geben nicht auf!», schreibt er. Die Stiftung arbeite weiter, wenn auch mit minimalen Mitteln. Mit «den wenigen, exzellenten Mitarbeitern (3,1 Stellen auf 5 Angestellte verteilt)» betreibe man gemäss Plan B weiterhin eine «exquisite Forschungsbibliothek ». Gleichzeitig nennt er eine klare Grenze: «Die Stiftung kann dieses Provisorium bis Ende 2026 tragen. Danach ist Schluss.» Was bleibt, ist Hoffnung – nicht als Strategie, sondern als letzte Möglichkeit: «Wenn nicht doch noch von irgendwoher Rettung kommt. Darauf hoffen wir!» Für Oechslin ist Einsiedeln der Ort eines Lebensprojekts. Der Kanton Schwyz ist der Ort, an dem sich entscheidet, ob eine unabhängige Forschungsinstitution ausserhalb grosser Machtzentren eine Zukunft haben darf. Seine Bilanz ist klar: «So ist ein erstklassiges Projekt zu Fall gebracht worden.» Und doch: «Weiterarbeiten, weiterwerben, weiter hoffen – solange wie nur immer.»
Einsiedler Anzeiger / Lukas Schumacher
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