Franz Föhn (Zälli Beeler), die zentrale und tragische Figur der Handlung, auf der Bühne, die Ermittlerinnen eingeblendet in der Filmszene. Bild Stefan Zürrer
Franz Föhn (Zälli Beeler), die zentrale und tragische Figur der Handlung, auf der Bühne, die Ermittlerinnen eingeblendet in der Filmszene. Bild Stefan Zürrer

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81 Szenen, 30 Akteure, 1 Leiche

Die «Bühne 66» zeigt diese Saison die Uraufführung des «Föhnsturms». Ein absolut ungewöhnliches Projekt, lokal angesiedelt, bis es weh tut, und in einer frappierenden Mischung von Bühnenrealität und Film.

Mut hat die «Bühne 66», das muss man ihr lassen. In ihrem Auftrag hat der Urner Franz-Xaver Nager ein «eigenes » Stück verfasst. Also eine Uraufführung auf der Traditionsbühne in Ibach. Und eine Inszenierung, die multimedial im riesigen Feld zwischen Film und Bühne spielt. Und dazu auch noch eine Flut von Problemen und Fehlentwicklungen unserer Gesellschaft abdeckt, die sich da alle gleichzeitig auf die Bühne ergiessen: Drogen, Abzocker, Wirtschaftskriminalität, Sinnleere, zerrüttete Ehen, Wertezerfall, Zynismus, Amok. Alles recht happig.

Kino oder doch noch Bühne?

Das zeigt schon die Ensemble-Liste. Zwanzig Akteure treten auf, dazu kommen nochmals etwa zehn Schauspieler in den gedrehten Filmszenen. Also eine Grossproduktion, der Aufwand lässt sich da nicht annähernd erahnen und wird in total 81 Szenen umgesetzt. Mal Bühne, mal Film. Dies ist ebenso faszinierend wie manchmal verwirrend. Es finden in sehr hoher Kadenz Schnitte statt, wie sie amerikanische Filme oder eine tempoverliebte Regiehektik anwenden. Viele dieser Szenenschnitte verblüffen aber durch eigentliche Überblendungen, wenn das im Film gezeigte, Interieur zum Beispiel sich auf der Bühne wiederfindet. Der Zuschauer wird in dieses Wirrspiel hineingezogen und überrascht sich plötzlich selber mit der Frage, ob er nun im Kino sitze oder im Theater. Der antiquarische Begriff des «Lichtspieltheaters » für das Kino der Grosseltern erhält urplötzlich einen ganz anderen Sinn. Allerdings führen diese sehr schnellen Szenenfolgen, auch die Wechsel in der Zeitabfolge und die grosse Zahl der Darsteller, dazu, dass sich lange der rote Faden nur schwer finden lässt. Auch gelingen die Szenenwechsel nicht immer schnell genug und drohen die Handlung zu zerhacken. Die Technik ist enorm gefordert, wie noch nie. Wen es dann aber gepackt hat, der nimmt das Tempo auf und beginnt, wie beim Lesen eines Krimis, selber in die Rolle des Inspektors oder der Sonderkommission zu schlüpfen.

Lokale Szenerie macht betroffen

Autor Franz-Xaver Nager nennt sich «Kulturarbeiter». Er ist ein virtuoser Grenzgänger zwischen Musik, Theater und Text und kann sich hier regelrecht austoben. Er schafft es auch, dass der Zuschauer durch die Nähe zur Realität echt betroffen ist. Die Handlung auf der Bühne mag noch harmlos und anonym sein, bricht dann aber in den Film-Sequenzen ohne Vorwarnung plötzlich in den Alltag hinein. Die Figuren heissen Föhn, Suter und Schelbert, der Bankdirektor heisst sogar Beeler, die Polizistin Marty. Fiktion und Realität verwischen sich gnadenlos und ziehen den Zuschauer definitiv mit in den Strudel der Handlung hinein, wenn das «Schwyzerstubli», Bruno Suters Restaurant «Hölloch», die Victorinox, Kantonalbank, die regionale Ausgangsszene oder das Zementfabrikareal als Tatort des Mordes erscheinen. Das geht so weit, dass sich der Zuschauer plötzlich selber betroffen fühlt. Die Inszenierung wird – wie in Ibach üblich – erneut getragen von sehr hoher Laienspielerqualität. Etwa durch Haschi Annen, der als an den Rollstuhl gefesselter, analytischer Kripo-Chef geradezu die eigene Realität überholt. Die Überraschung des Abends waren in tragenden Rollen Ermittler Suter (Stephan Gramlich) und Polizistin Huber (Fabienne Betschart), die eine echte Mischung von Polizeiroutine und Cleverness auf die Bühne bringen. In Szenen jedoch, wo die Handlung die schlimmste aller Wendungen nimmt, etwa, als der vermeintliche Autounfall sich als Tötungsdelikt herausstellt, da überzeugt die Dramatik in der betroffenen Familie nicht. Autor Nager und Regisseur Camenzind lassen im Stück zwar etwas Humor zu, aber nie so viel, dass die Handlung zur Tragikomödie wird. Das würde das Thema zerstören. Da genügen die zickige Sekretärin Ida Inderbitzin (Corinne Abplanalp) oder gelegentliche Zitate im Bibelslang. Als drittes Element, neben Bühne und Film, steigert bizarre Musik das Geschehen ins Beklemmende. Zu Spielbeginn steht da ein riesiges Schwyzerörgeli als harmlose Szenerie vor dem Zuschauer. Dann öffnet es sic

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Dies & Das

Publiziert am

28.04.2014

Webcode

schwyzkultur.ch/38YcUr