Beat Tschümperlin, Mister «Zoogä-n-am Boogä», denkt noch lange nicht ans Bequem-Zurücklehnen. Bild: Erhard Gick
Beat Tschümperlin, Mister «Zoogä-n-am Boogä», denkt noch lange nicht ans Bequem-Zurücklehnen. Bild: Erhard Gick

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«Beim letzten Mal hatte ich manchmal schon Augenwasser» Volksmusik

Beat Tschümperlin prägte während über 30 Jahren die Volksmusikszene im Radio. Er war der Mister «Zoogä-n-am Boogä». Obwohl inzwischen pensioniert, denkt er noch lange nicht an den Ruhestand.

Mit Beat Tschümperlin sprach Erhard Gick


Erhard Gick: Sie haben im Schweizer Radio über 200 Livesendungen «Zoogä-n-am Boogä» der Musikwelle präsentiert. Sind Ihnen da die Ideen nie ausgegangen?


Beat Tschümperlin: In all den Jahren sind mir die Ideen zu den Sendungen «Zoogä-n-am Boogä» nie ausgegangen. Wir waren mit den Sendungen immer in anderen Regionen der Schweiz unterwegs. Das bedeutete, dass ich immer andere Formationen präsentierte. Um sich ein Bild darüber machen zu können für die über 200 Sendungen, habe ich über 1000 Musikverträge abgeschlossen. Die meisten Regionen verfügen über genügend qualitativ gute Formationen, mit denen man eine Sendung bestücken kann.


Am 21. Dezember letzten Jahres war es, kurz vor Weihnachten, die letzte Sendung. Was ging Ihnen da vor der Sendung durch den Kopf?


Im Kopf habe ich es verdrängt, dass es die letzte «Zoogä-n-am Boogä»-Sendung sein soll. Vielmehr habe ich mir gesagt, ich will einen schönen Abschluss nach den über 200 Livesendungen. Die letzte Sendung fand zudem an einem etwas aussergewöhnlichen Ort, in Braunwald im Märlihotel Bellevue, statt. Das hat dem Ganzen einen würdigen Rahmen mit schönster Ambiente gegeben.


Aber emotional war es schon speziell?


Während der Sendung habe ich realisiert, dass es jetzt das letzte Mal ist. Emotional war ich schon etwas aufgewühlt. Manchmal hatte ich auch Augenwasser.


Und die Sendung selbst, wie haben Sie die erlebt?


Wie erwähnt emotional. Ich war doch überrascht, wie viele Personen zur Sendung kamen, mit denen ich kaum gerechnet hatte. Es lief mir kalt den Rücken herunter, als ich die vielen Kolleginnen und Kollegen wahrnahm, von SRF, der Musikwelle, vom Heirassa-Festival mit Präsident Beni Nanzer und Barbara Schilliger vom OK. Überrascht war ich auch vom Besuch, der mich an die Steiner Chilbi erinnerte, etwa mit Paul Kündig und Albert Koller, den beiden Gastwirten vom «Kündig» und «Rössli» in Steinen, oder Beat Diener aus Arth. Mit ihnen zusammen durfte ich mit Radio Central die Nachwuchs-Nachmittage aufgleisen.


An welche Sendung erinnern Sie sich besonders gerne?


Jede Sendung hatte ihren Reiz. Wenn ich bei der «Zoogä-n-am Boogä»-Serie bleibe – ich habe ja auch noch verschiedene andere Sendungen moderiert –, dann erinnere ich mich an die Sendung in Quinten, auf der hinteren Seite des Walensees. Da gab es keine Strassen, Quinten ist autofrei, und wir mussten den Sendewagen auf einen Nauen verladen und auf dem Wasserweg an den Sendeort befördern. Das sind Bilder, die bleiben einem stets in Erinnerung.


Gab es auch mal Pannen, wenn ja, welche?


Zum Glück innerhalb der Sendungen sehr wenige. Woran ich mich erinnere, ist ein Älplerwunschkonzert auf dem Urnerboden. Irgendwo im Schächental schlug ein Blitz in eine Trafostation ein. Das verursachte einen Stromausfall, die Sendung fiel für eine halbe Stunde aus, Zürich speiste ein Notprogramm vom Studio Zürich in den Sender ein. Als es wieder lief, habe ich aus höherer Instanz, vom Programmchef SRF, erfahren, dass wir nach 22 Uhr, also nach Livesendeschluss, eine halbe Stunde anhängen dürfen. Meistens gab es Pannen vor oder nach einer Sendung. Am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Frauenfeld sollten wir um 20 Uhr mit der Sendung beginnen. Um Frauenfeld war der Verkehr zusammengebrochen, ich stand bis eine Viertelstunde vor Sendebeginn ohne Formationen da. Um 18 Uhr hätten die Tonproben eigentlich beginnen müssen.


«Ländlerzmorge» war eine Sendung, die Sie damals bis 1999 noch für Radio Schwyz, welches später zu Radio Central wurde, moderiert haben. Erinnern Sie sich noch daran?


Natürlich. Das war während zehn Jahren eine sehr schöne Zeit. Ich hatte Samstag für Samstag immer einen Live-Gast in der Sendung. Ich konnte Gäste einladen, die noch nie im Radio als Interviewgäste waren, die Fans guter Ländlermusik noch gar nie im Radio sprechen gehört hatten. Ich erinnere mich beispielsweise an Franz Schmidig senior aus dem Muotatal oder an den Arther Rees Gwerder.


Sie sind Jurist. Hat Sie dieser Beruf nicht gereizt? Was war ausschlaggebend, sich in der Volksmusik zu etablieren?


Ich schloss im Gymnasium Immensee die Matura ab, studierte danach in Zürich Jus, weil dieses Studium sehr allgemeinbildend wirkt. Man lernt viel für verschiedenste Berufe, nicht nur für den Beruf als Jurist. Viele Juristen wechselten nach dem Studium zu den Medien. Bernard Thurnheer war einer von ihnen. Ich arbeitete während fünf Jahren als Jurist, liebäugelte aber damit, zum Start der Lokalradios dort einzusteigen. Ich habe dies in den Pionierzeiten bei Radio Pilatus in Luzern getan. Ich war damals ein Allrounder. Das konnte ich nach Radio Pilatus auch bei Radio Central weiterpflegen. Bei SRF wurde ich dann zum Spezialisten.


Welches Instrument spielen Sie?


Am Gymi Immensee habe ich etwas am Klavier geschnuppert. Das war und ist für den Hausgebrauch. Ich darf nicht von mir behaupten, ich würde ein Instrument spielen. Ich mute mir aber zu, ein Gespür zu haben, was qualitativ «verhebt».


Hätten Sie sich ein Engagement bei einer Ländlerkapelle vorstellen können?


Nein. Ich habe auch nie gewünscht, aktiv Musik zu machen. Meine Aufgabe war es, diese Musik darzustellen, sie den Hörern und Hörerinnen zu vermitteln.


Sie kennen Tausende Volksmusikstücke, welches ist Ihr Lieblingsstück und weshalb?


Es gibt verschiedene, mir gewidmete Titel, die ich alle sehr gerne höre. Es gab viele Komponisten, die ein Stück für mich schrieben, etwa Toni Bürgler, Fritz Dünner, Arno Jehli, Kurt Baumgartner oder Franz Hess etc. Die liebe ich speziell. Spontan kommt mir die eingängige Melodie «Mütschegeischt» von Rees Gwerder oder das rassige «Vreneli anno 1911» mit den Mosibuebä in den Sinn. Bei alten Urschweizer Tänzen spüre ich die Landschaft und meine Heimat. Mein Jahrgänger Seebi Schmidig spielt auch solche.


Welchen Musikstil lieben Sie besonders?


Diese Frage ist schwierig zu beantworten. Ich habe Freude an Appenzeller Musik oder an Musettes aus der Romandie, an Innerschweizer und Berner Musik. Im Radio müssen alle Volksmusikstile der Schweiz berücksichtigt werden.


Und ausserhalb der Volksmusik?


Ich wuchs, man beachte meinen Jahrgang, mit Rockmusik auf. Woodstock ist da ein Stichwort. Bob Dylan begleitet mich das ganze Leben. Ich liebe das ganze Spektrum der Rockmusik. Ich behaupte von mir, ohne zu prahlen, dass ich in der Rockmusik etwa die gleichen Kenntnisse habe wie in der Volksmusik.


Küssnacht ist eine Volksmusik-Hochburg. Haben Sie enge Kontakte zur einheimischen Szene?


Ich durfte schon verschiedene Sennenchilbenen moderieren. Ich kenne das ganze Brauchtum rund um Küssnacht, alle Formationen, von Jodelduetts bis zu Schwyzerörgeli-Formationen. Was in Küssnacht rund um Volksmusik passiert, ist mir bekannt.


Bei der Familie der Hess sind Sie gut verankert, die hat Ihnen sogar Musikstücke gewidmet. Ehrt Sie das?


Ja, sehr. Ich habe einen tiefen Bezug zu den Gebrüdern Hess, zu Ländlerhess oder zu den Hess-Buebe. Ich spüre eine grosse gegenseitige Anerkennung. Ich schätze ihre Musik. Franz Hess hat mir einen speziellen Titel gewidmet: «Mister Zoogä-n-am Boogä».


Sie sind auch auf Schwingplätzen heimisch. Bleibt das ein Thema?


Ich durfte schon an verschiedenen kantonalen oder Innerschweizer Schwingfesten am Mikrofon wirken. Zu Zeiten von Radio Central habe ich praktisch jeden Sonntag ein Schwingfest als Reporter besucht. Bei SRF 3 habe ich das zu Beginn als Nebenjob gemacht. Ich wechselte später vom Reporter zum Speaker. Als Speaker war und bin ich verschiedentlich unterwegs. Ganz speziell verbunden bin ich mit dem Mythenverband. Dort spüre ich als gebürtiger Schwyzer Heimat. Ich blicke auf zwanzig Mal Frühjahrsschwinget und nun zum vierten Mal auf dem Stoos als Nachfolger von Walter Heinzer zurück. Nach dem Eidgenössischen von Luzern 2004 werde ich dieses Jahr in Zug zusammen mit Fabienne Bamert und Hugo Abegg als Speaker tätig sein.


Figurmässig sehen Sie nicht wie ein Schwinger aus. Wo haben Sie Ihre Kenntnisse erworben?


Als Speaker muss man zum Glück nicht mit einem grossen Muskelaufbau glänzen. Meine Kenntnisse habe ich schon als Jüngling erworben, als ich mit meinem Vater Schwingfeste besuchte, und natürlich erlangt man sie mit der jahrelangen Tätigkeit.


Kann man Sie auch wieder mal in der Region im Radio hören?


Wer weiss? An Schwingfesten hat mich Alfons Spirig von Radio Central dazu angesprochen. Durchaus möglich, dass es wieder mal einen «Ländlerzmorge» mit mir geben könnte.


Hat Sie eigentlich das Fernsehen nie interessiert, so, wie das die Schwyzer Sepp Trütsch, Kurt Zurfluh etc. taten?


Nein, eigentlich nicht. Ich war immer ein Radiomensch, vom Scheitel bis zur Sohle. Ich war so stark in die Radios integriert, dass ich nie Gedanken an ein Mitwirken im Fernsehen verlor.


Bote der Urschweiz / Erhard Gick

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Musik

Publiziert am

02.02.2019

Webcode

schwyzkultur.ch/x9RsLM