Gerngesehene Gäste: die Tiroler beim Tanz in einem von Rothenthurms Restaurant. Foto: Albert Marty
Gerngesehene Gäste: die Tiroler beim Tanz in einem von Rothenthurms Restaurant. Foto: Albert Marty

Nachrichten

Der Freiheitsheld an der Fasnacht

Die Rothenthurmer Tiroler sind eine eher jüngere Fasnachtsfigur. Dennoch sind sie zum festen Bestandteil der dörflichen Kultur geworden – und das nicht nur während der Fasnachtszeit.

Wie an vielen Orten im Kanton Schwyz beginnt die Fasnacht in Rothenthurm alljährlich schon am 6. Januar, dem Dreikönigstag und dauert bis zum Aschermittwoch. Am Schmutzigen Donnerstag fasnächteln die Kleinen: Die Fasnachtsgesellschaft Rothenthurm organisiert einen Kinderumzug und eine Kinderbescherung. Ebenfalls werden die Gasthäuser von der Tiroler-Gruppe der Kinder besucht. Bis in die 1960er-Jahre durften die Kinder keine Maske tragen, die Erstkommunikanten durften überhaupt nicht mitmachen. Für sie wurde im Pfarreisaal ein Film gezeigt, meist ein Western. Für die Erwachsenen ist der Güdelmontag der Haupt-Fasnachtstag. Er beginnt um vier Uhr in der Früh mit den «Trummlern». Am Vormittag trieben früher der gefürchtete Bär und sein Gefolge ihr Unwesen. Am Nachmittag ist freie Strassenfasnacht für die «Hudi» in ihren Fantasieverkleidungen aller Art und für die traditionellen Tiroler. Die Kostümierten verteilen grosszügig Orangen. Der Abend war früher für die maskierten Frauen reserviert und im jedem Restaurant im Dorf war Livemusik. Die «Türmli-Guuger» sind am «Güdelzischtig » unterwegs. Die Kinderbescherung am Nachmittag und am Abend das «Böögg»-Verbrennen sind wieder Sache der Fasnachtsgesellschaft. Zur Fasnacht gehört das «Fasnachtschüechli», für die Rothenthurmer das «Eieröhrli» oder «Chnüüblätz».


Rothenthurmer Tiroler


Mehrmals wurde im 19. Jahrhundert im Raume Innerschwyz das Theater «Der Freiheitskampf» im Tirol zu Ehren des 1810 in Mantua hingerichteten Südtiroler Freiheitshelden Andreas Hofer (1767–1810) auf den Bühnen aufgeführt, so 1862 und 1881 in Schwyz, 1873 in Steinen. Scharenweise drängte sich das Volk in dieses Theater, weil die Urschweizer den Tiroler Freiheitshelden Andreas Hofer sehr verehrten. Dabei traten Tiroler Alpensängerinnen in ihrer Landestracht auf. Tiroler Trachten sollten fortan auch im Schwyzer Brauchtum eine Rolle spielen. Die Tirolerkleider wurden zuerst als Theaterkostüme gebraucht. Wenn sie einmal ausgetragen und für die Bühne nicht mehr geeignet waren, wurden diese Kleider zur Fasnachtszeit ausgemietet. Fasnächtliche Kostümverleiher boten nebst dem Bajazzo und dem Alten Herrn auch «Thyroler»-Kostüme an. Die Kostüme der heutigen Rothenthurmer Tiroler kamen durch Kostümvermieter aus Schwyz und aus dem Ägerital ins Dorf. 1932 hatte Louise Abegg (1887–1978) im Oberdorf zwölf Tiroler-Kostüme gekauft, die sie bis in die 60er-Jahre ausmietete. Anfänglich bezahlte man 12 bis 15 Franken für die Miete. Anfänglich tanzte jeder Tiroler für sich und war als Einzelmaske unterwegs. Seit den 1930er-Jahren wird nun auf Initiative der Familie Jnglin (Grossmatt) gruppenweise zu Ländlermusik getanzt: Pro «Rästli» ein Schottisch, ein Ländler und eine Polka mit jeweils anderer Schrittfolge. Und weil die Tiroler dazu über die Schulter einen Gurt mit runden Schellen (Rollen) tragen, ergibt dies auch ein rhythmisches Schellenklingeln. Das Kostüm hatte über die Jahre verschiedene kleine Änderungen erfahren. Das heutige Tirolerkostüm mit den Samt-Kniehosen, dem Samtgurt, weissem Hemd, Strümpfen aus Schafwolle, Lodenhut mit Feder, Wachslarve mit kurzem Rosshaarbart, Besen und Rollengurt mit Kreuzrollen (Schellen) kostet etwa 4500 Franken. Allein der Rollengurt kostet zirka 1000 Franken. In den Anfängen hatte der Gurt nur 26 Kreuzrollen, heute deren 48. Die massgefertigten Kostüme werden heute vom Herrenschneider Arthur Beeler und der Rollengurt vom Lederatelier Leo Schuler angefertigt. Die Tiroler sind immer am Güdelmontag- Nachmittag unterwegs. Sie haben seit je eine grosse Fangemeinde. In den 50er-Jahren zahlten einmal Gäste den Tirolern so viel Weisswein, dass sie ihn gar nicht trinken mochten. So traf man sich am folgenden Sonntag nach dem Gottesdienst im Restaurant «Rössli» und konsumierte den schon bezahlten Weisswein.


In zwei Gruppen durchs Dorf


Heute trifft man sich jeweils um 13 Uhr im Restaurant «Schäfli» und teilt sich in zwei Gruppen auf. Auf ihrer Route durchs Dorf besuchen die Tiroler die Restaurants mit Musik und veranstalten dort ihren Gruppentanz. Der Tanzboden kommt so richtig ins Schwingen, wenn die Tanzenden im Takt die Rollengurten schütteln. Beim Wechsel von Restaurant zu Restaurant werden wacker Orangen an die Kinder verteilt (ohne «Güüssen»). In den letzten Jahren hat die Zahl der grossen und kleinen Tiroler stark zugenommen. Es sind gegen 40 Erwachsene, die am Montag auf die Strasse gehen und etwa 20 Kinder- Tiroler, die am Schmutzigen Donnerstag unterwegs sind. Sie sind auch vermehrt an Geburtstagen und anderen Anlässen anzutreffen. Die Tiroler sind eine lose Gruppe ohne Vereinscharakter, ohne Statuten und ohne Präsident.


Einsiedler Anzeiger / Albert Marty

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Brauchtum / Feste

Publiziert am

09.02.2018

Webcode

schwyzkultur.ch/p91t6L