Die Jodlerin Rita Ehrler in ihrer Schwyzer Sonntagstracht. Bild: Silvia Camenzind
Die Jodlerin Rita Ehrler in ihrer Schwyzer Sonntagstracht. Bild: Silvia Camenzind

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«Die Volksmusik sitzt so tief in uns, sie stirbt nicht aus»

Mit Rita Ehrler sprach Silvia Camenzind

Silvia Camenzind:Was machen Sie am 1. August?

Rita Ehrler:Am Vormittag singe ich in der Jodlermesse in Seewen, am Nachmittag und Abend bin ich in Brunnen engagiert.

Sind Sie am Nationalfeiertag stets ausgebucht?

Früher meistens. Heute schaue ich, dass wir nur jedes zweite Jahr öffentlich auftreten. Es ist nämlich auch schön, am Nationalfeiertag freizuhaben.

Warum verbinden wir den 1. August so stark mit volkstümlicher Musik?

Das ist Urheimat. Da kommt der Schweizer so richtig zum Vorschein. In Brunnen begegne ich jeweils sehr vielen Auswärtigen, die am 1. August unbedingt Volkstümliches hören wollen.

Sie sind in einer Jodlerfamilie aufgewachsen. Wie war das als Kind?

Wir haben zu Hause immer gesungen. Schon mein Grossvater hat einen Juuz komponiert und diesen auf eine Platte aufgenommen. Das ganze Brauchtum steckt in mir, ich bin ein «Brauchtumshuhn».

Kann man sagen, Sie sind da hineingewachsen?

Ja. Ich spürte schon als Kind in meinem Herzen, dass ich jodeln will. In der Schule, wir waren damals noch Buben und Mädchen getrennt, durften wir immer jodeln. Unsere Lehrerin, eine Klosterfrau, hatte grosse Freude daran. Sie öffnete jeweils alle Fenster, wenn die Klasse jodelte. An Schulbesuchstagen durfte ich juuzen. War die Stimmung nicht so gut, sagte die Schwester: «Komm, Rita, wir jodeln.» Danach fühlten wir uns wieder gut.

Ist es ein Vorteil, die Jüüzli bereits im Ohr zu haben, wenn man zu jodeln beginnt?

Ja, definitiv. Es geht nämlich um Eigenarten. Der Juuz in unserer Region ist sehr behäbig. Die Muotathaler juuzen leicht anders als die Illgauer, und auch die Schwyzer haben ihren eigenen Stil. Dazu kommt das Alphorn-Fa. Das muss man kennen, sonst empfindet man es als falsch. Auswärtige reagieren manchmal komisch, wenn sie diese Naturjüüze zum ersten Mal hören. Doch genau diese Eigenart macht es aus. Das berührt mich sehr tief, das ist schön, das muss man pflegen.

Blicken wir zurück in Ihre Kindheit: Sie sind ein Kind, das gerne juuzt. Kann man beim Juuzen Fehler machen oder ist man völlig frei?Hat der Vater Sie korrigiert?

Oh ja, er hat mich sehr oft verbessert. Ich hätte es perfekt machen sollen. Er hatte ein sehr feines Musikgehör. Er konnte nicht jodeln, hat mir aber vorgepfiffen. Damals gab es noch keine Musikschulen oder Kurse, um das Jodeln zu lernen. Man hat es in den Familien weitergegeben oder es sich selber beigebracht. Später erst besuchte ich Kurse. Zuvor hatte ich mir viel Jodeln angehört.

Sie waren 15 Jahre alt, als Sie Mitglied des Jodlerklubs Edelweiss in Ibach wurden. Sie waren die erste Frau. War das etwas Besonderes?

Das war vor 45 Jahren zu einer Zeit, als man eine gute Stimme haben musste, wollte man als Frau in einen Klub eintreten. Ich habe mir damals keine Gedanken gemacht. Ich ging einfach gerne hin, habe gerne gejodelt und gejuuzt. Es gab nur wenige Jodlerinnen. Vreni Kneubühl war bereits als super Jodlerin bekannt, doch hier in der Region gab es nicht viele. Es war eine Männerdomäne. Frauen mussten sich beweisen. Es war damals der Stolz der Männer, keine Frauen in ihrem Klub zu haben.

Gab es Widerstände?

Nein, bei mir nicht. Mein Vater war im Klub, und meine Onkel waren auch dabei. Dennoch wurde ich an der GV, an der ich aufgenommen wurde, geprüft. Ich wurde gefragt, ob ich beabsichtige, in die Fremde zu gehen, und musste in den Ausstand treten. Das war lustig, denn damals hielt man die Generalversammlungen jeweils privat in der Stube ab.

Sie sind selber Dirigentin. Was reizt Sie an dieser Aufgabe?

Ich jodelte, juuzte und spürte, dass ich selbstständiger werden wollte. Inzwischen war ich Vizedirigentin, kannte aber die Noten nicht und stand deshalb an. Ich wollte wissen, was ich sagen muss, wenn ich vor dem Chor stehe. Es war übrigens immer mein Traum gewesen, einen Chor zu dirigieren. Sang ein Chor im Fernsehen, stellte ich mich davor und dirigierte (lacht). Da erinnerte ich mich, dass mein Mann mir kurz nach der Hochzeit ein Tischklavier

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Musik

Publiziert am

29.07.2017

Webcode

schwyzkultur.ch/WXV87c