Annelies Grüter unterrichtet Musik im «Höfli»: «Passagen, die nicht sitzen, müssen wir üben, nicht weglassen.» Bild jüwa
Annelies Grüter unterrichtet Musik im «Höfli»: «Passagen, die nicht sitzen, müssen wir üben, nicht weglassen.» Bild jüwa

Nachrichten

«Es ist, wie es ist, und es kommt, wie es muss»

Sie hat Musik im Blut. Annelies Grüter braucht weder ein Podest noch einen Taktstock, um den Musikunterricht im Behindertenwohnheim Höfli zu leiten.

Ihr Blick wandert von Gesicht zu Gesicht. Zwanzig Augenpaare lang. Sie spürt hinter jedem auf, was heute drin liegt. Dem einen nickt sie zu. Sie lächelt. Sie trägt schwarze Stiefel, dunkle Strümpfe, einen dunklen Jeansjupe. Das Rot ihrer Strickjacke ist kein auffälliges. Sie sitzt hinter einem geschnitzten Notenständer und hält ihre Gitarre vor sich. Noch herrscht im Musikzimmer des Behindertenwohnheims Höfli in Wangen ein Kommen und Gehen. Der Chor sitzt im Kreis, schwatzt durcheinander, scherzt, lacht. Dann schlägt Annelies Grüter eine Akkordfolge auf der Gitarre an.

Üben, bis es geht

Augenblicklich breitet sich ihre Ruhe aus. Mit einer Handvoll Musik wird klar, wer hier die Leitung innehat. Heute werden Fasnachtslieder geübt; denn am Schmutzigen Donnerstag gehen die «Höflianer» auf Tournee. Annelies Grüter will nicht, dass das Publikum höflich klatscht und dabei denkt, es seien halt Behinderte. Sie fordert den Chor und ist erst zufrieden, wenn alle die einstudierten Tanzschritte mitmachen und auf den Stern zeigen, der besungen wird. Sie lobt. Später sagt Grüter: «Sätze, Bewegungen und Passagen, die nicht sitzen, müssen wir üben, nicht weglassen. Das wäre der Weg des geringsten Widerstandes.» Dieser Weg passt nicht zu ihr.

Vielseitige Ausbildung

Annelies Grüter studierte Sozialpädagogik. «Heimerzieherin» hiess ihr Beruf damals, als sie die Ausbildung abgeschlossen hatte. «Jemandem etwas beizubringen, muss in mir drin sein», sagt sie. Als sie vor Jahren Tennis spielen lernte, liess sie sich fast gleichzeitig zur Tennislehrerin ausbilden. Sie gibt auch heute noch, mit 59 Jahren, jede Woche vier bis fünf Tennisstunden. Was ihr aber wirklich im Blut liegt, ist die Musik. Schliesslich ist sie eine gebürtige Bürgler, und ihre Vorfahren waren Illgauer. Die Begegnung, die sie kürzlich hatte, lässt sich als Anekdote erzählen: Treffen sich zwei Menschen und finden heraus, dass beide aus Illgau stammen. Sagt der eine zum anderen: «Und, wie viele Instrumente spielst du?» Schon als Kind sang sie im Kirchenchor und brachte sich Gitarre bei. An der Akademie für Kirchen- und Schulmusik in Luzern lernte sie, einen Kinderchor zu leiten. Als «Übergangslösung» wurde sie vor zwanzig Jahren Leiterin des Wangner Kirchenchors. Später erlangte sie in vier Semestern das C-Diplom als Chorleiterin. «Ich wollte mich nicht mit dem ‹Papierli› zufrieden geben», sagt Grüter. Zwei Semester hätten nämlich nur für eine Kursbestätigung gereicht.

Den Namen klatschen

In der nächsten halben Stunde tritt Annelies Grüter hinter dem Notenständer hervor. Sie gehört der Kleingruppe. Das sind neun Musikantinnen und Musikanten mit schwereren geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen. Grüter geht auf jeden einzelnen zu. «Zeig, wie tönt dein Instrument?», ermuntert sie. Sie führt Hände, unterstützt, lässt los, hört zu. Annemarie gelingt eine Tonfolge an den Klangstäben. Laszlo entlockt seinem Instrument einen Rhythmus. Sepp lässt sein Talent am «Schnurregigeli» aufblitzen. Grüter strahlt zufrieden. Das war aber erst die Aufwärmrunde. «Wir sind erst ein Orchester, wenn wir zusammen musizieren», fordert sie, und die neun Musizierenden begleiten die Akkordfolge aus ihrer Gitarre. Zum Abschluss lässt sie die Teilnehmenden den Rhythmus ihres Namens klatschen und aktiviert so noch einmal Kopf, Herz und Hände der Kleingruppe. «Solche Einfälle habe ich oft direkt vor Ort, ich muss flexibel sein und improvisiere gerne.»

Keine Pensionskasse

An manchen Tagen funktioniert das, was sie vorbereitet hat, überhaupt nicht. In ihren selbst arrangierten Singspielen kann sie nicht damit rechnen, dass alle Schauspieler den richtigen Satz im richtigen Moment bringen. Ihr Massstab für Erfolg sind die strahlenden Gesichter: «Ich kann die Freude spüren und das Aufblühen der Teilnehmenden sehen. Das fasziniert mich an der Arbeit mit Behinderten.» Annelies Grüter ist freischaffend. «Zum Glück hat mein Mann ein regelmässiges Einkommen. Ich hatte immer nur Jöbli. Für eine Pensionskasse ha

Autor

Höfner Volksblatt & March Anzeiger

Kategorie

  • Musik

Publiziert am

15.02.2012

Webcode

schwyzkultur.ch/xscXEu