Veit Kälin ist beim Theaterfestival zum vierten Male als technischer Leiter dabei, wenn auf der Landiwiese in Zürich-Wollishofen, auf der Saffa-Insel, in der Werft und in der Roten Fabrik auf 13 Bühnen über 40 Produktionen aus aller Welt präsentiert werden. Foto: Urs Gusset
Veit Kälin ist beim Theaterfestival zum vierten Male als technischer Leiter dabei, wenn auf der Landiwiese in Zürich-Wollishofen, auf der Saffa-Insel, in der Werft und in der Roten Fabrik auf 13 Bühnen über 40 Produktionen aus aller Welt präsentiert werden. Foto: Urs Gusset
Die rosarote Kapelle wurde im Zusammenhang mit dem 500-Jahr-Jubiläum der Reformation aufgepumpt. Veit Kälin verweist speziell auf den Auftritt des US-amerikanischen Schauspielers William Talen. Bild zvg
Die rosarote Kapelle wurde im Zusammenhang mit dem 500-Jahr-Jubiläum der Reformation aufgepumpt. Veit Kälin verweist speziell auf den Auftritt des US-amerikanischen Schauspielers William Talen. Bild zvg
Das Dreierleitungsteam des Zürcher Theater Spektakels (von links): Matthias von Hartz, künstlerischer Leiter, Veit Kälin, technischer Leiter, und Delphine Lyner, kaufmännische Leiterin. Bild zvg
Das Dreierleitungsteam des Zürcher Theater Spektakels (von links): Matthias von Hartz, künstlerischer Leiter, Veit Kälin, technischer Leiter, und Delphine Lyner, kaufmännische Leiterin. Bild zvg

Nachrichten

«Ich habe einen der schönsten Arbeitsplätze»

Veit Kälin, Willerzell, ist Mitglied des dreiköpfigen Leitungsteams des Zürcher Theater Spektakels, das gestern Donnerstag eröffnet worden ist

Der gebürtige Egger, der mit seiner Lebenspartnerin Nicole Fuchs seit März in Willerzell wohnt, lebt momentan in einem «goldenen Käfig», wie er sich an diesem Samstagvormittag ausdrückt. Während fünf Wochen, vom 2. August bis am 7. September, arbeitet und schläft er auf der Landiwiese, dem Festival-Gelände des 39. Zürcher Theater Spektakels. Er ist nur eines der vielen Rädchen, das greifen muss. Insgesamt stehen, ohne Künstlerinnen und Künstler, 300 Leute im Einsatz, viele davon in der Gastronomie.


Das Büro von Veit Kälin befindet sich in einem Container, sein Zuhause ist ein Wohnwagen. Während des Gesprächs klingelt immer mal wieder eines seiner beiden Handys, derweil sein Funkgerät stumm bleibt. Einmal schwingt er sich kurz auf sein altes, rotes Damenvelo, um kurz etwas zu erledigen. Er sei vor allem während des Auf- und Rückbaus ständig am Wuseln, wie er sich ausdrückt.


Im Leitungsteam


Der 37-Jährige ist Mitglied des dreiköpfigen Leitungsteams des Zürcher Theater Spektakels, dem noch Delphine Lyner, kaufmännische Leitung, und Matthias von Hartz, künstlerische Leitung, angehören. Die Teamleistung stehe im Mittelpunkt, sagt Veit Kälin, der diese anspruchsund verantwortungsvolle Aufgabe in einem 100-Prozent-Job ausübt. Der Egger, zuständig für die technische Leitung und die Bauten, ist nicht zum ersten Male dabei, wenn auf der Landiwiese in Zürich-Wollishofen, auf der Saffa-Insel, in der Werft und in der Roten Fabrik auf 13 Bühnen über 40 Produktionen aus aller Welt präsentiert werden. Und er macht gleich einen Werbespruch in eigener Sache und verweist auf Theater, Musik, Tanz und Zirkus. Ein Highlight im Zürcher Kulturkalender eben.


Sieben Tage die Woche


Veit Kälin wirkt ruhig und gelassen, obwohl er kurz vor dem Start der Aufbauarbeiten überraschend seinen Vater verloren hat und seit dem 2. August, dem Beginn der Aufbauarbeiten, von morgens früh bis abends spät arbeitet, sieben Tage pro Woche und das fast immer bei grosser Hitze. Er gesteht, dass das Arbeitstempo bei diesen Temperaturen nicht ganz so hoch sei wie sonst, die Leute seien etwas träger, seine Wenigkeit inbegriffen. Derweil der Aufbau des Zürcher Theater Spektakels zwei Wochen dauert, ist der Rückbau in fünf Tagen erledigt. Beim Aufbau sei viel Fachwissen gefragt, es werde grossen Wert auf Details gelegt, alles müsse schön und ansprechend aussehen, sagt Veit Kälin. Beim Rückbau müsse alles einfach nur zerlegt und in Kisten versorgt werden, um in einem der vier Lager aufbewahrt werden zu können. Er verweist auf den grossen Unterschied, ob ein Zelt oder ein festes Gebäude aufgestellt werde. Er bezeichnet die Qualität der temporären Bauten als hoch und ist überzeugt, Theaterhäusern in kaum etwas nachzustehen. Er lässt nicht unerwähnt, dass Vertreter anderer Theater vorbeikämen, um zu schauen, wie auf der Landiwiese temporäre Architektur angelegt wird.


Grosses Team


Um all diese Arbeiten fach- und termingerecht zu erledigen, untersteht ihm ein Team von 80 Mitarbeitenden. Dazu kommen 50 Leute von Fremdfirmen. Doch so schnell lässt er sich nicht ins Bockshorn jagen, beim vierten Male ist er bereits ziemlich routiniert. Die Gefahr, dass die Routine in Langeweile mündet, besteht aber nicht. «Wir bieten immer wieder neue Sachen, entwickeln neue Gebäude», sagt er nicht ohne Berufsstolz. Dieses Mal wird eine rosarote Kapelle präsentiert, dies im Kontext des 500-Jahr-Jubiläums der Reformation. Veit Kälin verweist speziell auf den US-amerikanischen Schauspieler William Talen, der die Kunstfigur des Predigers Reverend Billy erfunden hat. Dieser tritt noch bis am Sonntag mit seinem Stop Shopping Choir auf. Die rosarote Kapelle war für Kälin keine grosse Herausforderung, im Gegenteil. Sie wird angemietet und kann aufgepumpt werden. Witzig sei sie aber allemal, sagt er.


Riesenangebot


Was empfiehlt er den Besucherinnen und Besuchern des 39. Zürcher Theater Spektakels, das gestern Donnerstag eröffnet worden ist und bis am 2. September dauert? Die Auswahl fällt ihm verständlicherweise nicht leicht, das Angebot des Festivals ist riesig, wie ein Blick in die 88 Seiten umfassende Programmzeitung des Zürcher Theater Spektakels 2018 zeigt. Schliesslich entscheidet er sich für die Theaterproduktion von Forced Entertainment aus Sheffield (GB). Die Gruppe zeigt in acht Tagen, 16. bis 24. August, alle 36 Shakespeare-Dramen und braucht dafür pro Drama nur einen Schauspieler, einen Tisch und ein Gestell voller Alltagsgegenstände. Der britische Humor sorgt mit Sicherheit für viele lustvolle und lustige Momente. Das Stichwort ist gefallen – Sicherheit. Im vergangenen Jahr mussten die Veranstalter am Freitag, 18. August, die Landiwiese wegen eines heftigen Gewitters aus Sicherheitsgründen kurzfristig räumen. Verschiedene Aufführungen mussten abgesagt werden. «Wir gehen kein Risiko ein», sagt Veit Kälin und verweist auf das Sicherheitskonzept, das mit verschiedenen Partnern ausgearbeitet worden ist und vor allem auf verschiedene Wetterereignisse ausgelegt ist. Als Partner erwähnt er Polizei, Feuerwehr, Sanität, Blitzschutzexperten und Crowd Management. Die temporären Bauten seien auf Windgeschwindigkeiten bis 75 km/h ausgerichtet, sagt er und ergänzt: «Holz berühren». Will heissen: Bisher hatten die Organisatoren Glück und sind von gröberen Unfällen und Schäden verschont geblieben. Positiv erwähnt er das ausgesprochen tiefe Gewaltpotenzial der Besucherinnen und Besucher, und das obwohl das Gelände frei zugänglich ist. «Das möchten wir auch in Zukunft unbedingt so beibehalten, denn es ist uns wichtig, dass das Festival und die Landiwiese allen offenstehen.»


Idealer Standort


Er bezeichnet den Standort auf der Landiwiese, wo als Grossveranstaltung nur noch der Ironman Switzerland und das Zürifäscht ausgetragen werden, und den Zeitpunkt des Festivals, beginnend in der letzten Schulferienwoche, als ideal. Die Besucherzahlen geben ihm recht. Letztes Jahr wurden rund 28’000 Tickets verkauft, total waren etwa 120’000 Leute auf dem Festivalgelände. Wenn wir schon bei den Zahlen sind: Das Budget des 39. Zürcher Theater Spektakels, einer Veranstaltung von Stadt Zürich Kultur, beträgt rund 4,5 Millionen Franken. Die Finanzierung erfolgt zu je einem Drittel durch die Stadt, Partner und Eigeneinnahmen (Gastronomie und Tickets).  Veit Kälin lebt bereits zwei Wochen auf dem Festival-Gelände und schwärmt von der Zeltplatz-Romantik. «Ich habe einen der schönsten Arbeitsplätze, den man sich vorstellen kann», sagt er. Doch nach fünf Wochen habe auch er dann langsam genug von Containertoiletten und Gemeinschaftsduschen.


Einsiedler Anzeiger / Urs Gusset

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Bühne
  • Dies & Das

Publiziert am

17.08.2018

Webcode

schwyzkultur.ch/QVGqKC